Vor dem Aussterben

Dieser Text ist eine Übersetzung des Essays "facing extinction" von Catherine Ingram, den ich mit ihrer freundlichen Genehmigung übersetzt habe. Das Englische Original könnt ihr auf ihrer website lesen.

Dunkles Wissen

"Die Himmel standen voll in Flammen, die Erde zitterte."
-William Shakespeare
Heinrich IV., Teil 1

Den größten Teil meines Lebens dachte ich, dass unsere Spezies bald aussterben würde. Ich nahm an, dass wir noch weitere hundert Jahre durchhalten können, wenn wir Glück haben. Jetzt denke ich eher, dass wir in naher Zukunft vor dem Aussterben stehen. Bin ich in der Lage, Mutmaßungen darüber anzustellen, wann genau das passiert? Natürlich nicht. Meine Ahnung diesbezüglich basiert nur auf dem, was ich für wahrscheinlich halte. Vielleicht ist das so, als ob man von einer Diagnose von Bauchspeicheldrüsenkrebs im Spätstadium hört. Ist es sicher, dass die Person bald sterben wird? Nein, nicht definitiv. Ist es sehr wahrscheinlich? Ja, man wäre klug, sich der Wahrscheinlichkeit zu stellen und seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.

Betrachten wir zunächst die Klimadaten. In den letzten zehn Jahren habe ich das Klimachaos studiert, indem ich wissenschaftliche Arbeiten gelesen und Klimavorträge gehört habe, die einem Laien zugänglich sind. Es gibt dort keine guten Nachrichten zu finden. Wir haben so viel Kohlenstoff in die Atmosphäre verbrannt, dass der CO2-Wert höher ist als in den letzten drei Millionen Jahren. Unsere CO2-Emissionen der letzten zehn Jahre sind die höchsten in der Geschichte, und wir haben noch nicht alle ihre Auswirkungen gesehen. Wenn wir morgen aufhören sollten, Kohlendioxid auszustoßen, wird die Erwärmung noch mindestens zehn Jahre immer weiter zunehmen. Und wir werden unsere Emissionen sicherlich nicht morgen stoppen.

Die Kohlenstoffhülle in der Atmosphäre hat und wird immer mehr sich selbst beschleunigende Erwärmungsmechanismen auslösen, die wir nicht unter Kontrolle haben. Dessen tödlichste ist die Freisetzung von Methangasen, die seit Äonen unter arktischem Eis gefangen sind, und dort, was heute euphemistisch als Permafrost bezeichnet wird (ein Großteil davon ist kein Dauerfrost mehr).

Methan ist ein weitaus stärkeres Treibhausgas als Kohlenstoff und wirkt viel schneller. In den ersten zwanzig Jahren nach seiner Freisetzung in die Atmosphäre ist es 86 mal stärker als Kohlendioxid. Während die volle Wärmewirkung eines Kohlendioxidmoleküls zehn Jahre braucht, erfolgt das Maximum der Erwärmung durch ein Methanmolekül innerhalb weniger Monate.

Die arktischen und antarktischen Eiskappen schmelzen viel schneller als selbst die alarmierendsten Vorhersagen, und Methan strömt aus diesen Regionen, sprudelt aus den arktischen Seen und zischt weltweit aus den Meeren und Böden. Einige Wissenschaftler befürchten einen "Rülpser" von Milliarden Tonnen Methan, wenn eine totale Schmelze des arktischen Sommereises auftritt, was in den letzten vier Millionen Jahren nicht geschehen ist. Sollte es zu einer so plötzlichen großen Freisetzung von Methan kommen, würde sich die Erwärmung der Erde innerhalb von Monaten rasch beschleunigen. Dies allein könnte das Aussterbeereignis sein.

Das arktische Sommereis ist derzeit zwei Drittel weniger als in den 1970er Jahren, und die Arktis erwärmt sich so schnell, dass eine vollständige Sommerschmelze innerhalb der nächsten fünf Jahre wahrscheinlich ist. Auch der Kontinent Antarktis schmilzt seit den letzten vierzig Jahren mit einer Beschleunigung von 280%. Die massiven Eisschmelzen, die dort stattfinden, wie das Abbrechen des Larsen B-Eisschelfs, widersprechen wissenschaftlichen Vorhersagen; das als Larsen C bekannte Eisschelf, das im Juli 2017 abbrach, war 2.200 Quadratmeilen groß.

Das arktische Eis war das Kühlmittel für den nördlichen Teil des Planeten und beeinflusst auch das weltweite Klima. Seine weiße Oberfläche reflektiert einen Großteil der Sonnenwärme zurück in den Weltraum, ebenso wie das antarktische Eis. Während das Eis schmilzt, absorbiert der dunkle Ozean die Wärme und der wärmende Ozean schmilzt das verbleibende Eis immer schneller. In den letzten drei Jahrzehnten ist das älteste und dichteste arktische Meereis um satte 95% zurückgegangen, so der jährliche Arktisbericht 2018 der National Oceanic and Atmospheric Administration.

Die USA, Russland und China kämpfen nun um die Vorherrschaft in der Arktis, um an die dort vorhandenen riesigen Ölreserven zu gelangen, die nach dem Schmelzen des Eises zugänglich sein werden. Abgesehen von der realen Möglichkeit von militärischen Bränden über die Kontrolle der Region, würde der Transport von Tankschiffen durch dieses sensible Ökosystem und die Bohrungen dort vielfache Zerstörungen verursachen. Das verbleibende Eis würde schnell destabilisiert und dadurch die Freisetzung von Methan beschleunigt werden; nur, um dann all den gespeicherten Kohlenstoff der neu gefundenen Ölreserven in die Atmosphäre zu verbrennen.

Diese und alle anderen erwärmenden Rückkopplungsschleifen befinden sich nun auf einer exponentiellen Trajektorie und werden sich selbst verstärken, was zu einer "Treibhauserde" führen kann, die unabhängig von den Kohlenstoffemissionen, die sie ausgelöst haben, immer wärmer wird. Jeden Tag entspricht die zusätzliche Wärme, die in der Nähe unseres Planeten eingeschlossen ist, vierhunderttausend Hiroshima-Bomben. Es gibt keine bekannten Technologien, die weltweit eingesetzt werden können, um die Erwärmung umzukehren, und viele Klimawissenschaftler sind der Meinung, dass das Fenster dafür bereits geschlossen ist, dass wir den Wendepunkt überschritten haben und die Wärme fluchtartig zunimmt, egal was wir tun.

Wir befinden uns jetzt inmitten des sechsten Massensterbens mit etwa 150 Pflanzen- und Tierarten, die täglich aussterben. Trotz der Formulierung "die sechste Ausrottung", die mit der Veröffentlichung von Elizabeth Kolberts Pulitzer-Preisträger-Buch dieses Titels ihren Weg ins Mainstream-Bewusstsein findet, merken die meisten Menschen immer noch nicht, dass auch wir Menschen auf der Liste stehen.

Einige der Folgen, mit denen wir konfrontiert sind, sind Massensterben aufgrund von weit verbreiteter Dürre, Überschwemmungen, Bränden, Waldsterben, unkontrollierbaren Krankheiten und sterbenden Meereslebewesen – all das können wir bereits jetzt absehen. Einige dieser Folgen könnten sogar zur Vernichtung allen komplexen Lebens auf der Erde in kurzer Zeit führen: zum Beispiel der Einsatz von Atomwaffen, wenn Gesellschaften und Regierungen immer verzweifelter nach Ressourcen suchen; oder der Zusammenbruch der 450 Kernreaktoren, deren Betrieb mit dem Zusammenbruch der industriellen Zivilisation wahrscheinlich nicht mehr aufrechtzuerhalten sein wird. Seit 2011, als ein Tsunami die Nordostküste Japans traf und einen Beinahezusammenbruch von drei Kernreaktoren im Kraftwerk Fukushima Daiichi verursachte, benötigt man mehr als 168.000 Liter Frischwasser pro Tag, um die Reaktoren zu kühlen. Die Aufbewahrung der enthaltenen radioaktiven Elemente erfordert gefährliche Arbeiten für die Arbeiter und den Bau eines neuen Stahlwassertanks alle vier Tage, um das verbrauchte radioaktive Wasser zu speichern.

Wenn wir es durch diesen Spießrutenlauf der Bedrohungen schaffen würden, stünden wir immer noch vor dem Verhungern. Getreide, die Grundlage der Welternährung, wird für jedes Grad Celsius über den vorindustriellen Normen im Durchschnitt um 6% verringert. Wir sind jetzt etwa bei einem Grad über diesem Niveau, und steigen schnell; die Ozeane erwärmen sich doppelt so schnell und haben für uns bisher erstaunliche 93% der Erwärmung absorbiert. Wenn das nicht der Fall wäre, wären die durchschnittlichen Landtemperaturen um bis zu 36 Grad Celsius höher als heute. Natürlich gibt es enorme Kosten für die Erwärmung der Ozeane in Form von sterbenden Korallenriffen, Planktonverlust, Versauerung der Ozeane, beispiellosen Stürmen und erhöhtem Wasserdampfgehalt, ein weiteres Treibhausgas, das die Wärme in der Atmosphäre speichert.

Als ich auf diese und viele Hunderte solcher Tatsachen aufmerksam wurde, staunte ich auch darüber, wie unbewusst die meisten Menschen die kommenden Katastrophen erleben. Es gab noch nie eine bedeutendere Nachricht als die, dass die Menscheit vor dem Aussterben steht, und doch wird das Aussterben selten in den Abendnachrichten, Kabelkanälen oder auf den Titelseiten von Blogs und Zeitungen erwähnt. Es ist, als ob die Astronomen der Welt uns erzählten, dass ein Asteroid auf dem Weg zur Erde ist und einen direkten Treffer landen wird, der dazu bestimmt ist, das ganze Leben auszulöschen, und die Öffentlichkeit reagiert darauf, indem sie weiterhin fasziniert auf Sportereignisse, sozialen Medien, die neuesten politischen Skandale und Promi-Klatsch starrt.

Doch vor etwa fünf Jahren begannen einige Bücher und andere Informationsquellen, sich mit der Möglichkeit eines vollständiges Aussterben des gesamten komplexen Lebens zu befassen, und diese wurden zu meiner Zuflucht, obwohl die Informationen schrecklicher waren als alles, was ich mir je vorgestellt hatte.

Seit Jahrzehnten hatte ich gespürt, dass sich die Dinge dramatisch verschlechterten und die Zerstörungsrate zunahm. Als Journalistin von 1982 bis 1994 habe ich mich auf Sozial- und Umweltfragen spezialisiert. Ich hatte über die globale Erwärmung geschrieben, wie wir sie damals in den 80er Jahren nannten. Aber weil dies eine weit entfernte Bedrohung zu sein schien, konnten wir sie intellektuell diskutieren, ohne Angst zu haben, dass sie unser eigenes Leben auf bedeutsame Weise beeinflusst. Im Laufe der Zeit begann ich zu erwachen, zu sehen, wie schnell sich das Klima änderte und wie negativ die Auswirkungen der Klimaveränderung waren. Es wurde zu einer seltsamen Erleichterung, die Wahrheit über die Situation von Menschen zu lesen und zu hören, die sich mit den harten Fakten befassten, welche meine Instinkte bestätigten und ein Licht auf die schattigen Vorahnungen warfen und wie Geister in meinem Bewusstsein tanzten. Es ist ein fortlaufendes den Tatsachen nachgehen, das mich durch einen mächtigen internen Prozess - emotional und kathartisch - geführt hat Ich dachte, dass es hilfreich sein könnte, ihn mit denen zu teilen, die für dieses dunkle Wissen erwacht sind oder gerade dabei sind, so wie ich im Laufe der Zeit Trost in den Reflexionen der kleinen, aber wachsenden Zahl von Gefährten fand, mit denen ich diese Reise teile.

Weil das Thema so tragisch ist und weil es Menschen erschrecken oder verärgern kann, ist dies kein Aufsatz, den ich jemals schreiben wollte; es ist einer, den ich unterwegs hätte lesen wollen. Aber die Worte auf diesen Seiten sind nur für diejenigen bestimmt, die für sie bereit sind. Ich biete Ihnen, dem Leser, der weiß oder vermutet, dass es keine Hoffnung oder Lösungen gibt, keine Hoffnung oder Lösungen für unser Fortbestehen, sondern nur Geleit und Mitgefühl. Was wir jetzt finden müssen, ist Mut.

Mut

Du hast mich zum Singen gebracht, obwohl die Welt weg ist.
Du hast mich dazu gebracht, zu denken, dass ich gerne weitermachen würde.
Du hast mich zum Singen gebracht, obwohl alles grimmig aussieht.
Du hast mich dazu gebracht, den Hallelujah Hymnus zu singen.
-Leonard Cohen.
" Du hast mich zum Singen gebracht".

Leonard Cohen war während des letzten Vierteljahrhunderts seines Lebens einer meiner engsten Freunde. Wir sprachen oft am kleinen Küchentisch in seinem bescheidenen Haus in Los Angeles bis in die frühen Morgenstunden, und wenn ich mich auf machte zu gehen, zog er einen schönen Portwein hervor, den er gerettet hatte, zeigte mir einige seiner neuesten Zeichnungen oder erfreute mich mit einer Geschichte über seine Zeit in Kuba Anfang der sechziger Jahre. Er liebte das Zwiegespräch und war dabei für alles offen. In seiner Gesellschaft habe ich meine Gedanken nie zensiert. Seit seinem Tod habe ich festgestellt, dass er nicht nur ein enger Freund, sondern auch ein Lebensberater war. Einer der inspirierendsten Aspekte in dieser Hinsicht war das, was man seinen Herzensmut nennen könnte. Es ist meiner Meinung nach die höchste Form von Mut. Tatsächlich kommt das Wort Mut (Englisch courage; Anm. d. Übers.) vom lateinischen cor, was Herz bedeutet. Leonards besonderes Genie war seine Fähigkeit, sowohl die Trauer als auch die Schönheit der Welt zu vermitteln, sogar im selben Satz. Er blickte weder von dem einen noch dem anderen weg, auch nicht in seinen letzten Monaten, als der Schmerz seinen Körper verwüstete. Er hatte ein Funkeln in einem Auge und eine Träne in dem anderen.

In den letzten Jahren seines Lebens hatten wir viele Gespräche über das Klimachaos, da er wusste, dass ich mich mit dem Thema befasste. Er hörte immer aufmerksam zu und stellte während unserer Diskussionen sachdienliche Fragen. Obwohl das Klima nicht sein eigener Schwerpunkt war (seine war eher eine Leidenschaft für die Weltpolitik), war es für ihn keine Überraschung zu sehen, wie nah wir am Rand sind. Er verstand die menschliche Natur und ging davon aus, dass wir uns selbst reinreiten würden. Man braucht nur sein Lied "The Future" zu hören, um zu wissen, wie vorausschauend er in dieser Angelegenheit war.

Und doch haben wir über all die Jahre gelacht. Er lachte wie verrückt. Leonard war ein Meister des Galgenhumors, und ich habe auch eine ausgeprägte Wertschätzung für diese Form von Humor. Die Kraft des Galgenhumors, und ich empfehle es in diesen Zeiten sehr, ist, dass er einen Seitenblick auf die sich sammelnden Wolken erlaubt, während man im Garten noch Tee trinkt. All diese kleinen Momente des Anerkennens dienen dazu, unser Bewusstsein an schwierige Realitäten zu gewöhnen, an die Ketten zu rütteln, die uns binden, um uns zu erlauben, ein wenig loszulassen. Wenn man Galgenhumor teilt, ist es auch beruhigend zu wissen, dass dein Freund auch die Tragikomödie sieht. Es findet eine Amortisation der Belastung statt, wenn wir eine schwere Last teilen.

Mut wird oft mit Stoizismus verwechselt, der steifen Oberlippe, Tapferkeit, die die Angst verdeckt. Es gibt noch eine andere Art von Mut. Es ist der Mut, mit gebrochenem Herzen zu leben, sich der Angst zu stellen und Verletzlichkeit zuzulassen, und es ist der Mut, das zu lieben, was man liebt, "obwohl die Welt weg ist".

Ablenkung und Verleugnung

Sie sind wie Kinder und spielen mit ihrem Spielzeug in einem brennenden Haus.
-Gautama Buddha

Niemals waren diese Worte des Buddha wahrer. Wir lieben es, von uns selbst abgelenkt zu werden, und wir haben in unserer Zeit unzählige Möglichkeiten dazu. Wir zahlen viel Geld für das Privileg und laufen herum, um uns Dinge und Erfahrungen zu diesem Zweck anzueignen. Wir scheinen evolutionär so konzipiert zu sein, dass wir zukünftige Bedrohungen beiseite schieben oder ganz ignorieren und uns stattdessen nur auf unmittelbare Anliegen und persönliche Wünsche konzentrieren. Das ist verständlich, denn für den größten Teil der Menschheitsgeschichte gab es nichts, was wir gegen zukünftige Ereignisse tun konnten, die weit weg von unserem Wohnort stattfanden. Bis auf einige bemerkenswerte Ausnahmen hat sich die Evolution nicht für eine langfristige Überlebensplanung entschieden. Die Sorge um den Klimawandel ist für uns nicht selbstverständlich. Daniel Gilbert, Autor und Harvard-Professor für Psychologie, schlägt vier Ursachen vor, warum unser Gehirn in erster Linie auf unmittelbare Bedrohungen reagiert.

Erstens sind wir soziale Tiere, die sich entwickelt haben, um darüber nachzudenken, was die Kreaturen um uns herum tun; wir sind sehr empfindlich gegenüber Absichten, besonders wenn sie bedrohlich erscheinen. Zweitens stellt der Klimawandel nicht unser moralisches Gefühl von Recht und Unrecht in Frage und regt dadurch das Gehirn zum Handeln an. Wie Gilbert bemerkt, wenn klar wäre, dass die globale Erwärmung absichtlich kleine Kätzchen tötet, würden wir alle auf der Straße marschieren.

Drittens, wenn das Klimachaos heute keine Bedrohung für uns ist, denken wir nicht darüber nach. Viele der Daten, die wir in konservativen Klimaberichten sehen, weisen auf schreckliche Veränderungen, die bis 2100 eintreten werden. Wenn wir das Jahr 2100 sehen, denken wir leicht: "Puh! Kein Problem." Natürlich sind die Veränderungen bis 2100 ein zu optimistischer Zeitrahmen, aber sie zeigen, wie das Gehirn auf eine zukünftige Bedrohung reagiert, die im Zeitlupentempo auf uns zukommt, auch wenn sie das Leben von Kindern beeinflussen werden, die wir in der Gegenwart kennen. Gilberts vierter Grund, warum wir Klimabedrohungen ignorieren, ist, dass wir uns seit Jahrtausenden auf unseren hochentwickelten Sinnesapparat verlassen, um Veränderungen und Bedrohungen in unserer Umgebung zu messen - Veränderungen von Temperatur, Gewicht, Druck, Schall oder Geruch. Wenn die Änderungen mit einem langsamen Tempo erfolgen, können sie unter dem Radar unserer Wahrnehmung fliegen. Der Frosch, der im Topf kocht, der nur allmählich erhitzt wird.

Während der jüngsten historischen Überschwemmungen in Queensland, Australien, traten die Flüsse über ihre Ufer und strömten in die Stadt Townsville. Infolgedessen gab es Krokodile und Schlangen in den überfluteten Straßen und in den Hinterhöfen der Menschen. Sich im Hochwasser auf einer Straße oder einem Hof zu befinden, auf dem Krokodile und tödliche Schlangen sind, würde den Verstand focussieren und eine Fluchtreaktion hervorrufen. Aber abgesehen von solchen klaren und bestehenden Gefahren reagieren wir nur langsam auf Bedrohungen.

Es scheint, dass sogar unsere Gene den kurzfristigen Gewinn gegenüber langfristigen Problemen bevorzugen. Der Biologe George Williams aus dem 20. Jahrhundert erkannte, dass es zu einigen Genen, die mehrere Funktionen haben, welche gibt mit dazu gegensätzlichen Funktionen. Das heißt, ein Gen kann beispielsweise große Vorteile für das frühe Leben haben und gleichzeitig im späteren Leben großen Schaden anrichten, ein Prozess, der als biologische Seneszenz bezeichnet wird. Die Evolution wählt natürlich entsprechende Gene aus, so dass der frühe Nutzen überwiegt, während der spätere Schaden eine geringere Chance hat, aktiviert zu werden, da der Organismus es nicht immer bis ins spätere Leben schafft.

Der Biologe Bret Weinstein sieht ein kulturelles Analogon zu diesem Prozess: "Kultur ist Biologie, stromabwärts der Gene". Wie er erklärt, "Ideen, die kurzfristig funktionieren, aber langfristig scheitern und Verletzlichkeit verursachen, überleben in unserem System, weil sie oft wirtschaftlichen Nutzen bringen. Wenn Sie also eine Technologie hervorbringen, die im Laufe mehrerer Jahrzehnte Nutzen für die Menschheit hat, aber der Schaden dieser Technologie erst in späteren Jahrzehnten entsteht, werden Sie kurzfristig reich geworden sein, und dieser Reichtum wird zu einer Zunahme Ihres politischen Einflusses geführt haben, was die Glaubensstrukturen verstärken wird, die es überhaupt erst zu einer guten Idee gemacht haben. Der Markt tendiert dazu, kurzfristige Gewinne zu erzielen und langfristige Effekte geringer zu bewerten, bis die politische Struktur durch diesen Erfolg modifiziert wurde. Wie in der biologischen Seneszenz manifestiert sich die kulturelle Seneszenz in einem System, das nicht in der Lage ist, umzukehren und sich eher von einer Klippe stürzen würde, als zu erkennen, dass etwas in seinem Kern uns in Gefahr brachte. Wir haben jetzt ein kulturelles System, das uns kurzfristig viel Wohlstand bringt. Aber es liquidiert das Wohlergehen des Planeten mit unglaublicher Geschwindigkeit."

Die Evolution hat auch nicht bestimmt, dass wir uns des persönlichen Todes selbst übermäßig bewusst sind. Es wäre sonst emotional lähmend. Ernest Beckers bahnbrechendes Buch The Denial of Death, für das er 1974 den Pulitzer-Preis erhielt, untersuchte den Einfluß des Bewusstseins des Todes auf menschliches Verhalten und die Strategien, die der Mensch entwickelte, um seine Angst vor dem Tod zu mildern. "Das ist der Schrecken:", schrieb Becker, "Aus dem Nichts aufgetaucht zu sein, einen Namen zu haben, ein Bewusstsein des Selbst, tiefe innere Gefühle, eine unerträgliche innere Sehnsucht nach Leben und Selbstausdruck - und am Ende doch dem Tod ausgeliefert zu sein".

Sheldon Solomon, Autor und legendärer Professor für Psychologie am Skidmore College, verbrachte 35 Jahre damit, Experimente auf der Grundlage von Beckers Ideen durchzuführen. Diese Arbeit gipfelte in dem, was Salomon und seine Kollegen Terror Management Theory nennen, und stützt sich darauf, eine zentrale These von Beckers Arbeit zu beweisen: dass die Menschen durch kulturelle Weltanschauungen und Selbstwertgefühl versuchen, den Terror des Todes abzuwehren. Wie Sheldon mir in einem Interview im Jahr 2015 sagte: "Was Becker vorschlägt, ist, dass Menschen den Terror des Todes managen, indem sie sich kulturell konstruierten Überzeugungen über die Natur der Realität anschließen, die ihnen das Gefühl geben, dass sie wertvolle Menschen in einem bedeutungsvollen Universum sind.... Und so sind wir für Becker, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, und meistens sind wir es nicht, hoch motiviert, das Vertrauen in die Wahrhaftigkeit unserer kulturellen Weltanschauung und den Glauben an die Behauptung, dass wir wertvolle Menschen sind, das heißt, dass wir einen Selbstwert haben, zu bewahren. Und wenn eine dieser beiden, die wir "Zwillingssäulen des Terrormanagements" nennen - Kultur oder Selbstwertgefühl - bedroht ist, reagieren wir auf vielfältige Weise defensiv, um unseren Glauben an unsere Kultur und uns selbst zu stärken". Das vollständige Interview finden Sie hier.

Beckers Arbeit stützte sich auf die Untersuchung von Verteidigungsstrategien zur Ablehnung des persönlichen Todes. Wir stehen jetzt vor dem Tod aller. Daher werden Leugnung und Verteidigung der Leugnung entsprechend verstärkt und gefährlich. Es gibt jetzt einen verzweifelten Aufstieg von religiösem Fundamentalismus, Aberglaube und magischem Denken im neuen Zeitalter, wie es der Astronom Carl Sagan 1996 in seinem letzten Buch The Demon Haunted World vorhergesagt hat: Wissenschaft als Kerze im Dunkeln. Einer immer ängstlicheren Spezies bieten kulturelle und religiöse Glaubenssysteme das Versprechen des ewigen Lebens. Und die Menschen werden buchstäblich bis zum Tod für sie kämpfen.

Oder sie werden ihre Kinder opfern. Von den Mayapriestern, die Kinder von den Klippen warfen, bis hin zu den Familien der Selbstmordattentäter in der heutigen Zeit, die mit ihren Freunden das Martyrium ihres Sohnes oder ihrer Tochter auf der Straße feiern, würden die Menschen lieber sehen, wie ihre Kinder sterben, als auf die Erhaltung und Verteidigung ihrer Kultur oder Religion zu verzichten. An Orten, an denen das Klimachaos bereits im Gange ist, beobachten wir eine Verfestigung des Tribalismus und der Kampflinien zwischen Gemeinschaften, die früher in relativer Harmonie zusammengelebt haben. Dieser Druck wird zwangsläufig zunehmen.

Wir finden es auch schwierig, exponentiell zu denken. Wir mögen das Konzept eines exponentiellen Faktors verstehen, aber es ist nicht unsere natürliche Art der Wahrnehmung. Da die exponentielle Erwärmung andere Ungleichgewichte auslöst, die ebenfalls exponentiell werden, nehmen wir sie daher nur als lineare Probleme wahr und gehen davon aus, dass wir Zeit haben werden, sie anzugehen. Wir machen weiter mit dem Business-as-usual und kehren zur "Matrix" zurück, der Illusion, dass die Dinge ganz normal sind, wo unsere gewöhnlichen Probleme, Bequemlichkeiten und Unterhaltungen unserer Aufmerksamkeit bedürfen, genau wie im Film. Aber jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, an dem wir uns "zu Tode amüsieren", wie Neil Postman es in seinem Buch von 1985 unter diesem Titel formulierte.

Wenn du anfängst, für das Gespenst des Aussterbens zu erwachen, wirst du wahrscheinlich den mächtigen Reiz deiner üblichen Ablenkungen spüren. Du solltest vielleicht wieder einschlafen. Aber die Verleugnung wird immer schwieriger aufrecht zu erhalten sein, denn sobald sich Deine Aufmerksamkeit auf dieses Thema gerichtet hat, wirst Du die Beweise dafür überall sehen, sowohl lokal als auch global.

Und ihr werdet euch inmitten der Menschenmassen wiederfinden, die noch abgelenkt und amüsiert sind, mit ihrem Spielzeug spielen, während das Haus brennt, "vom Trivialen beruhigt", wie Kierkegaard sagte, und von der Zukunft sprechen, als ob sie so weitergehen würde wie bisher. Schließlich haben wir es so weit geschafft. Wir haben unsere Überlegenheit darin bewiesen, Dinge herauszufinden und Hindernisse für unsere Wünsche zu beseitigen. Wir haben die meisten der großen wilden Säugetiere und die meisten indigenen Völker getötet, um ihr Land einzunehmen. Wir beugten die Natur unserem Willen, pflasterten ihre Wälder und Wiesen, verlegten und stauten ihre Flüsse, gruben aus, was der Journalist Thom Hartman ihr "altes Sonnenlicht" nennt, und verbrannten dieses tote Geschöpf in die Atmosphäre, damit unsere Fahrzeuge uns zu Land, zu Wasser und in der Luft herumfahren konnten und unsere Waffen unsere Feinde in Schach halten konnten. Und jetzt haben wir ihrer Atmosphäre ein hohes Fieber verursacht. Aber, wie das alte Sprichwort sagt (ein Satz, den ich zum ersten Mal in den 80er Jahren hörte und der mir seitdem immer wieder in den Sinn kommt), "Die Natur hat den letzten Schlag".

Du befindest dich vielleicht in Gesellschaft von Menschen, die sich der Folgen, mit denen wir konfrontiert sind, nicht bewusst zu sein scheinen oder die es nicht wissen wollen oder die eine momentane Ahnung haben, aber es nicht ertragen können, sich ihr zu stellen. Du wirst vielleicht feststellen, dass die Menschen wütend werden, wenn Du das Gespräch in Richtung einer planetarischen Krise lenkst. Du kannst spüren, dass du aufgrund dessen, was du siehst, zu einem sozialen Ausgestoßenen wirst, selbst wenn du es nicht erwähnst, und es kann sein, dass du dich in der Gesellschaft der meisten Menschen, die du kennst, einsam fühlst. Für dich ist es nicht nur der Elefant im Raum, es ist der brennende Elefant im Raum, und doch hast du das Gefühl, dass du seinen Namen selten sagen kannst.

Ich habe Leonard einmal um seinen Rat gefragt, wie man mit anderen darüber spricht. Er antwortete: "Es gibt Dinge, die wir den Kindern nicht erzählen." Es ist hilfreich zu erkennen, dass die meisten Menschen nicht bereit sind für dieses Gespräch. Sie sind vielleicht nie bereit, so wie einige Menschen nach einer langen Krankheit sterben, und bis zum End leugnen, dass der Tod vor ihrer Haustür steht. Es ist ein Mysterium, wer mit der Wahrheit unserer Situation umgehen kann und wer vor ihr davonläuft, als ob ihr geistige Gesundheit davon abhinge, sie nicht zu sehen. Es gibt sogar ein seltsames Phänomen, das einige meiner aussterbenden Freunde und ich bemerkt haben: Du kannst manchmal Entspannung in der Gesellschaft von denen finden, die es nicht wissen und nicht wissen wollen. Für eine Weile tust du so, als ob alles in Ordnung wäre oder zumindest so, wie es war. Sie diskutieren über Politik, die neueste Drama-Serie, neue Cafés. Du besuchst die Matrix für ein wenig Ruhe und Entspannung. Aber das dauert in der Regel nicht lange, da die Nachrichten von der Katastrophe unerbittlich sind.

Die Eltern-Falle. Es gibt eine Kategorie von Menschen, die ich für besonders widerstandsfähig befunden habe, diese dunkelste aller Wahrheiten zu sehen: Eltern. Ein besonderer und inzwischen vertrauter glasiger Ausdruck kommt über ihre Gesichter, wenn das Gespräch dem Thema des menschlichen Aussterbens nahe kommt. Und wie könnte es sonst sein? Es ist in die DNA eingebaut, dass Eltern (natürlich nicht alle) ihre Kinder mehr als sich selbst lieben. Sie würden alles für sie opfern. Zu denken, dass es in Zukunft keinen Schutz für ihre Kinder geben wird, dass kein Geld, kein Gehöft, kein Leben auf einem Boot, in einem bewachten Wohngebiet, auf einem Berggipfel oder in einem geheimen Garten sie retten wird, ist ein unerträglicher Gedanke, den man nicht einmal eine Sekunde lang aushalten kann. Ich habe auch bemerkt, dass inmitten des abgelenkten Gesichtsausdrucks ein Blitz der Wut auftritt, eine fast unterschwellige Botschaft, die sagt: "Sag kein Wort mehr zu diesem Thema".

Es ist ein Thema, das ich in Gegenwart von Eltern zu vermeiden gelernt habe, obwohl ich zu meiner Überraschung in letzter Zeit immer mehr von ihnen begegne, die sich damit abfinden. Es ist eine zusätzliche Schicht der Trauer, um sicher zu sein, und ich kann sie nur bewundern und mit ihnen trauern, in dem Wissen, dass es unwahrscheinlich ist, dass ihre Kinder bis ins hohe Alter leben werden, ganz zu Schweigen, was sie vorher erleiden könnten.

Ich hatte damit meinen eigenen Kampf der Verzweiflung. Als ich anfing, den Ernst unserer Situation zu erkennen, erkannte ich schnell, dass mein eigener Tod kein großes Problem war. Schließlich habe ich lange Zeit gelebt, länger als die meisten Menschen in der Geschichte. Ich habe sicherlich meine Vorstellungen, wie ich sterben möchte, und ich habe nicht den Anspruch, überhaupt keine Angst vor dem Tod zu haben, aber die Tatsache meines eigenen Todes ist etwas, das ich seit meinen Teenagerjahren in Betracht ziehe und das Teil meines jahrzehntelangen Dharma-Interesses war. Nein, die Verzweiflung kam von den Gedanken an meine jungen Großnichten und -Neffen, denen ich nahe stehe. Alle neun von ihnen waren unter zehn Jahre alt, als ich anfing zu erkennen, dass sie wahrscheinlich keine langen Leben haben werden. Die Angst und Verzweiflung, in die ich versank, war so groß, dass ich sehr krank wurde. Ich entwickelte einen massiven Fall von Gürtelrose, der große Bereiche meines Oberkörpers bedeckt, vorne und hinten in zwei Zonen (anscheinend ist es selten, mehr als eine Zone zu haben) und landete im Krankenhaus. Gürtelrose (ein viel zu mickriges Wort für eine Krankheit, die sich anfühlt, als ob die Nerven von innen in Brand gesetzt worden wären) wird als stressbedingte Krankheit angesehen. Meine Angst und Verzweiflung hatten mich körperlich krank gemacht. Einmal zu Hause und bettlägerig für den größten Teil eines Monats, hatte ich die Gelegenheit zu überlegen, wie unbezahlbar meine Angst und Ängste in Zukunft sein würden. Ich musste eine Perspektive finden, die es mir ermöglichen würde, zumindest etwas Ruhe unter der tiefen Traurigkeit zu finden. Einige Stimmen flüsterten: "Das ist das Wesen der Dinge. Alles vergeht."

Natürlich gibt es heute viele Millionen Eltern auf der Welt, die sich bereits damit auseinandersetzen mussten. Hunderte von Millionen von Klimaflüchtlingen, für die jede Sorge um die Zukunft das größte an Luxus und Privilegien wäre. Sie kämpfen aufgrund von Klimakatastrophen ums Überleben, sogar jetzt, während du diese Worte liest.

Soziale Unruhen

Ich habe die Zukunft gesehen, Bruder.
Es ist Mord.
-Leonard Cohen.
" Die Zukunft"

Von allen Bedrohungen, denen wir ausgesetzt sind, ist diejenige, die ich am meisten fürchte, der Zusammenbruch der zivilisierten Gesellschaft. Wir sehen heute große Regionen der Welt, die No-Go-Zonen sind. Gescheiterte Staaten, in denen das Leben wenig wert ist und Barbarei herrscht. Riesige Teile Afrikas sind heute gesetzlos und werden von bewaffneten und gewalttätigen Männern und Jungen kontrolliert, die in Banden durch die Landschaft streifen und sich an abscheulichen Handlungen beteiligen, zu abscheulich, um darüber zu schreiben. Der Mittlere Osten ist ähnlich wie Teile Südamerikas. Alle diese Gebiete sind von schwerer Dürre betroffen. Wie Professor und Journalist Christian Parenti in einem Interview mit Chris Hedges sagte: "Wie passen sich die Menschen dem Klimawandel an? Wie passen sie sich der Dürre, den Überschwemmungen an? Sehr oft ist der Weg, dass du die überschüssigen Waffen nimmst und hinter dem Vieh deines Nachbarn her bist, oder du schiebst es auf die Ideologie oder Ethnie deines Nachbarn."

In seinem Buch Tropic of Chaos: Climate Change and the New Geography of Violence, schreibt Parenti: "Der Klimawandel kommt in eine Welt, die von Krisen vorgeprägt ist. Die aktuellen und bevorstehenden Verwerfungen des Klimawandels überschneiden sich mit den bereits bestehenden Krisen von Armut und Gewalt. Ich nenne diese Kollision von politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Katastrophen "die katastrophale Konvergenz".

In ihrer Verzweiflung verkaufen sich die Menschen, insbesondere die Frauen, in die Prostitution und andere Formen der modernen Sklaverei. Oder sie werden von anderen geraubt und verkauft. Menschenhandel ist heute weltweit ein großes Geschäft. Die Menschen verkaufen auch ihre eigenen Kinder, um den Rest ihrer Familie zu retten. Ich sah ein CNN-Nachrichteninterview mit einer Witwe, ihrem Sohn und ihrer Tochter in einem Flüchtlingszelt in Afghanistan. Nachdem sie das von der Dürre heimgesuchte Gebiet ihrer Heimat verlassen hatte, erklärte sie dem Reporter, dass sie ihre sechsjährige Tochter an einen alten Mann verkaufte, damit sie sich und ihren Sohn ernähren konnte. Das kleine Mädchen saß ruhig an ihrer Seite und sah traurig und verwirrt aus, vielleicht in dem leisen Bewusstsein, dass jede Veränderung, die in ihrem ohnehin schon schwierigen Leben eintreten würde, ein viel schlimmeres Schicksal bedeuten würde. In der Nähe saß der alte Mann, der sie als "Geschenk" für seinen zehnjährigen Sohn kaufte, diese Begründung höchstwahrscheinlich zum Wohle des Reporters, eine Begründung, der ich nicht glaubte, da ich einen noch dunkleren Plan für das kleine Mädchen vermutete. Offensichtlich ist dies heute in der afghanischen Flüchtlingsgemeinschaft eine gängige Praxis.

Es ist kein Wunder, dass die Menschen diese Höllenlöcher mit nichts anderem als der Kleidung, die sie tragen, verlassen und sich auf den Weg machen, oft unter Todesgefahr, in Länder mit größerem Reichtum und vernünftigerer Politik. Es ist auch kein Wunder, dass diese Länder sie nicht wollen. Irgendwann beim Beladen eines Ruderbootes wird es sogar von einer zusätzlichen Person versenkt. Und viele der Flüchtlinge sind Staatsangehörige von Ländern mit fast entgegengesetzten Werten als die ihrer neuen Aufnahmeländer. Europa steht nun an vorderster Front der Flüchtlingskrise und hat Mühe, sich zusammenzuhalten. Es ist eine der großen historischen Ironien, dass die europäischen Länder, vielleicht die aufgeklärtesten und fortschrittlichsten aller Zeiten, immer drakonischere Maßnahmen ergreifen, um zu versuchen, das zu bewahren, was sie haben. Aber die Flüchtlinge werden weiter kommen, in die Millionen und dann in die Hunderte von Millionen, und es wird keine Mauern oder Armeen geben, die stark genug sind, um sie aufzuhalten. Das gilt nicht nur für Europa, sondern überall dort, wo es Möglichkeiten für ein besseres Leben gibt.

Auch die Orte, an denen es noch "ein besseres Leben" gibt, werden immer schlechter. In Chris Hedges' Buch America: Auf der Farewell Tour zeichnet er forensisch den Niedergang Amerikas im 21. Jahrhundert auf. Die “Überflug-Staaten”, das heißt fast überall außer an den Küsten, werden heimgesucht von Armut, Alkoholismus, Prostitution, Drogen- und Spielsucht, Pornosucht, Gewalt, schlechter Bildung, Depressionen und anderen psychische Erkrankungen, schlechter körperliche Verfassung und Selbstmord: "Die Krankheiten der Verzweiflung", wie Soziologen sie nennen. Tatsächlich ist die durchschnittliche Lebenserwartung in den USA seit zwei Jahren aufgrund von Selbstmord und Opioidüberdosis gesunken. Die USA befinden sich jetzt inmitten der schlimmsten Drogenepidemie ihrer Geschichte; mehr Menschen sterben an Opiatüberdosen als an Autounfällen oder Waffenmorden. Aufgrund der Armut in diesen Gemeinden gibt es auch einen Zusammenbruch von Recht und Ordnung sowie der Grundversorgung. Die lokalen Gemeinden gehen pleite und beginnen wie Bananenrepubliken zu funktionieren.

Pacific Gas and Electric (PG&E), das größte Versorgungsunternehmen der Vereinigten Staaten, liefert Gas und Strom für zwei Drittel von Kalifornien. Es reichte gerade erst Konkurs ein zum Schutz gegen Klagen von geschätzten dreißig Milliarden Dollar wegen seiner Stromleitungen ein, die durchgebrannt waren und dabei möglicherweise einige der tödlichen Feuer auslösten, die vor kurzem in Kalifornien wüteten. Wer schlägt die Versorgungsunternehmen raus, wenn diese Dinge passieren? Die Bundesregierung, was bedeutet, dass die Steuerzahler die Rechnung erhalten. Wie lange können Regierungen Unternehmen retten? Die US-Staatsverschuldung zum Beispiel liegt nun bei 22 Billionen Dollar. An welchem Punkt ist das "Laßt uns so tun, als ob"-Spiel des Währungswertes vorbei? Wie lange werden wir in der Lage sein, Papier gegen Lebensmittel einzutauschen? Und was wird passieren, wenn wir gezwungen sind, extreme Opfer zu bringen?

Die reicheren Länder sind besonders unwillig, selbst relativ kleine Opfer zu bringen, die einen zukünftigen Nutzen haben könnten. Derzeit befindet sich Frankreich im vierten Monat der Gelbwesten-Aufstand, der in Paris begann und sich über das ganze Land ausbreitete.

Der Aufruhr begann, als der französische Präsident Emmanuel Macron eine "Ökosteuer" auf Treibstoff ankündigte, um sein Wahlversprechen zur Bekämpfung der globalen Erwärmung zu erfüllen. Bald nachdem die Unruhen begannen, stellte die Regierung alle Gespräche über die Steuer ein, aber bis dahin hatten die Unruhestifter eine Menge anderer Missstände hinzugefügt und das Chaos begann zu wachsen, wurde gewalttätiger, destruktiver und tödlicher. Dies sind keine Menschen, die verhungern oder mit vorgehaltener Waffe aus ihren Häusern entfernt werden. Das sind Menschen, die aufgefordert werden, einen Teil ihres Einkommens für das Gemeinwohl zu opfern. Aber wie wir dort und anderswo sehen, herrscht kurzfristige Gier.

Was in Frankreich geschieht, ist zweifellos eine warnende Geschichte für andere progressive Weltführer, die es wagen, Big Oil und seine hungrigen Verbraucher herauszufordern. Es ist ein Zeichen der Unreife, die persönliche Befriedigung zugunsten der Chance auf mehr Wohlbefinden für alle zu einem späteren Zeitpunkt nicht zurückhalten zu können. Und es ist noch ein weiteres bitteres Beispiel dafür, warum wir Menschen in dem Chaos stecken, in dem wir uns befinden. Wir sehen es im Laufe der Menschheitsgeschichte. Gier ist in der heutigen Zeit nicht neu. Wir können den gierigen Impuls leicht verstehen, da die meisten von uns davon betroffen sind. Vielleicht hatte eine aufgeschobene Bedürfnisbefriedigung keinen Nutzen für die alten evolutionären Imperative, da die Bedienung unmittelbarer Bedürfnisse oft den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeutete. Wir können jedoch jetzt sehen, dass es unserem Überleben entgegensteht, von unseren niederen Wünschen und Impulsen versklavt zu sein. Der Anblick von Zerfällen in den entwickelten Ländern gibt einen Eindruck davon, wie der gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenbruch aussehen wird, wenn es überall einen weit verbreiteten Nahrungsmittelmangel gibt und wenn die Infrastruktur, einschließlich der Stromnetze, brüchig wird, zu kostspielig in der Instandhaltung oder nicht mehr funktioniert.

Überbevölkerung und Co-Extinktion

1952, als ich geboren wurde, gab es etwa 2,6 Milliarden Menschen auf der Erde. Es gibt jetzt 7,7 Milliarden, eine Zunahme auf fast das Dreifache in meinem Leben. Unser Ressourcenverbrauch würde es unserem Planeten ermöglichen, nur etwa eine Milliarde Menschen nachhaltig aufzunehmen. Wie William Catton in seinem Buch Overshoot von 1980 erklärte, befinden wir uns in einem "Tragfähigkeitsdefizit". Mit anderen Worten, die Belastung der Ressourcennutzung ist weit über ihre Tragfähigkeit hinaus. Natürlich ist der einzige Weg, wie wir das erreichen konnten, war, es der Zukunft zu stehlen. Es ist, als ob wir einen Garten haben könnten, der zehn Menschen über den Winter bringt, und stattdessen eine wilde Party für tausend Personen schmeissen und das gesamte Angebot an einem Abend durchbringen.

Es ist auch beunruhigend zu erkennen, dass jede vernünftige Maßnahme, unsere Situation zu mildern, die wir versuchen könnten, und es sind keine bekannt, die in größerem Umfang durchgeführt werden können, die Bevölkerung um etwa 220.000 Menschen pro Tag (Geburten minus Todesfälle) anwachsen ließe und unsere Bemühungen zur Minderung konterkarieren würde.

Nach vielen wissenschaftlichen Studien sind einige der unvermeidlichen Folgen der Überbevölkerung stark verschmutztes Wasser, erhöhte Luftverschmutzung und Lungenkrankheiten, die Verbreitung von Infektionskrankheiten, überforderte Krankenhäuser, steigende Kriminalitätsraten, Entwaldung, massenhafter Verlust von Wildtieren, weit verbreitete Nahrungsmittelknappheit, das Verschwinden von Fischen in den Ozeanen, Superbugs und durch Luft übertragbare Krankheiten sowie die verminderte Fähigkeit, sie zu behandeln, die Verbreitung von AIDS, der geringere Zugang zu sauberem Trinkwasser, neue Parasiten, Desertifikation, steigende regionale Konflikte und Krieg. Wie der Astrobiologie-Professor Peter Ward in einer Geschichte über die BBC erklärte: "Wenn man sich ein biologisches System ansieht, beginnt es, seine Heimat zu vergiften, wenn es sich überfüllt."

Wenn wir von Überbevölkerung sprechen, sprechen wir natürlich ausdrücklich von Menschen. Tatsächlich verursacht die menschliche Aktivität ein massives Aussterben der anderen Arten. Mit Überbevölkerung und Umweltverschmutzung verlieren wir Lebensräume, die die biologische Vielfalt erhalten, und wir haben dadurch seit 1970 60% der weltweiten Tierwelt verloren.

Nur unser Viehbestand wächst in großer Zahl. Denken Sie an diesen Satz in seinen zwei Komponentenwörtern: "Leben" und "Lager" (Viehbestand heißt im Englischen lifestock; Anm. d. Übers.). Tiere als Vorrat, als Produkt. Tiere als Produkte zu betrachten, erfordert, die Not dieser Lebewesen zu ignorieren: die industriellen Nahrungsmittelsysteme der Folter für Hunderte von Millionen von Tieren - Tiere, die Emotionen haben, für ihre Jungen sorgen und die Angst und Schmerz erleiden, nur um am Ende abgeschlachtet zu werden, vielleicht die einzige Gnade, die sie kennen werden. Die industrielle Tierhaltung gilt auch als eine der Hauptursachen für die globale Erwärmung.

Der Verlust der biologischen Vielfalt von Wildtieren und Pflanzen führt jedoch zu einem Dominoeffekt in den so genannten Co-Extintionen: Wenn eine Art stirbt, die zuerst von Umweltveränderungen bedroht ist, sterben die verschiedenen Arten, die von dieser einen abhängen, und dann die Arten, die von jenen abhängen.

Der Ausrottungs-Dominoeffekt geht in eine weitere exponentielle Feedback-Schleife über. Die Wissenschaftler Giovanni Strona und Corey Bradshaw führten ein Experiment durch, bei dem sie "2000 virtuelle Erden computergestützt modellierten, um Bedingungen für artenähnliche Wesen zu schaffen, die in miteinander verbundenen ökologischen Gemeinschaften angeordnet sind". Anschließend setzten sie diese Gemeinschaften verschiedenen Umweltbelastungen aus, insbesondere denen der Temperatur. Was sie gefunden haben, geht aus dem Titel ihres peer-reviewed Papers hervor, das in Scientific Reports veröffentlicht wurde: "Co-Extintionen vernichten das planetarische Leben während extremer Umweltveränderungen." Mit anderen Worten, die Gesundheit der vernetzten natürlichen Welt hängt vom Netz des Lebens in ihr ab. Wenn wesentliche Teile dieses Netzes absterben, vernichtet es das planetarische Leben im Allgemeinen. Dazu gehören natürlich auch die höheren und komplexeren Lebensformen, also wir. Zu denken, dass wir den größten Teil der Biodiversität des planetarischen Lebens verlieren können und dennoch Wege finden, uns selbst zu ernähren, ist wahnhaft. Auf einer kürzlich in Dublin abgehaltenen Konferenz zur biologischen Vielfalt sagte der irische Präsident Michael Higgins in seiner Rede vor der Versammlung: "Wenn wir Kohlengräber wären, würden wir in toten Kanarienvögeln bis zu den Knien stehen."

Zusammen mit all den anderen Bedrohungen, denen wir ausgesetzt sind, wird das Mitsterben in der natürlichen Welt zu einem der dringendsten Probleme. Für jeden, der mit der Allgemeinen Systemtheorie vertraut ist, ist dies leicht zu verstehen. Doch viele Menschen spalten diese Informationen ab. Wenn sie vom Aussterben der anderen Pflanzen und Kreaturen hören denken sie, dass es wenig mit ihrer eigenen Existenz zu tun hat. Sie sehen das ikonische Bild des Eisbären auf einem kleinen Eisbrocken schweben und denken: "Was bedeutet der Verlust von Eisbären für mein Leben? Nichts." Sie werden jedoch überrascht sein zu erfahren, dass der Verlust der Insekten der Welt jeden in der Nahrungskette treffen wird, da die Bestäubung der Pflanzen dramatisch abnimmt.

Ein aktueller Artikel in der New York Times mit dem Titel "The Insect Apocalypse Is Here" erklärt auch das Konzept des "funktionalen Aussterbens", d.h. wenn eine Art noch vorhanden ist, aber in ihrer Anzahl so stark zurückgegangen ist, dass sie nicht mehr in ihrer Umgebung funktioniert oder interagiert. Im Falle von Insekten beispielsweise führt dies zu "einem Aussterben der Samenausbreitung und der Raub- und Bestäubungstätigkeit und all der anderen ökologischen Funktionen, die ein Tier einst hatte, was verheerend sein kann, selbst wenn einige Individuen noch bestehen". Es bedarf keiner vollständigen Ausrottung von Insekten oder anderen Arten, um ihre notwendige Rolle in einem gesunden Ökosystem zu stören. Ein Teilabsterben wird die Aufgabe erfüllen. Die Unfähigkeit, Obst, Gemüse und Getreide in den Anbaugebieten anzubauen, wird unweigerlich zu steigenden Lebensmittelpreisen und Hunger für Millionen von Menschen führen.

Das Verständnis der Missstände von Überbevölkerung und Koexistenz bringt einen in die schwierige Lage, sich um Menschen zu kümmern, die Babys in die Welt setzen. Zum ersten Mal in der Geschichte ist es schwierig, die Ankunft von Neugeborenen zu feiern, wenn man sich des tödlichen Drucks der Überbevölkerung, des Klimachaos und des Zusammenbruchs unserer Lebenserhaltungssysteme bewusst ist. Es ist traurig, daran zu denken, was ein neues kleines Wesen wahrscheinlich ertragen wird. Und wenn seine oder ihre Eltern von der globalen Realität aufgeweckt werden, werden sie wahrscheinlich mit zunehmender Angst und Trauer konfrontiert. Sobald du ein Kind kennst, sei es dein eigenes oder das eines anderen, sorgt deine Liebe zu diesem Kind für eine herzzerreißende Sorge, besonders wenn du dafür verantwortlich bist, dieses Kind in diese Welt zu bringen.

Ich ermutige die Leute, ein Baby zu retten, nicht ein Baby zu bekommen. Erwägen Sie, eines der Millionen von Kindern zu adoptieren, die einen liebenden Elternteil brauchen, und geben Sie diesem Kind so lange wie möglich ein glückliches Zuhause. Du musst den evolutionären Imperativ außer Kraft setzen, um deinen eigenen zu gebären. Wir sind in unserer Zeit mit vielen solchen Herausforderungen konfrontiert, die die üblichen Imperative der Evolution und deren Annahmen betreffen.

Techniklösungen und Flucht zum Mars

Wir Menschen lieben die Technik. Es war das Mittel, mit dem wir zur dominanten Spezies auf dem Planeten wurden, unsere Lebensspanne verdoppelten, die Welt bereisten, Ressourcen und Ideen sammelten und uns einklinkten, um uns direkt mit allen an allen Orten von Zuhause aus zu verbinden. Die Technik ist eine Quelle der Unterhaltung, der Bildung, der künstlerischen Kreativität, des medizinischen Fortschritts und bietet zu viele Möglichkeiten, um sie aufzulisten. Sie war immer auch eine Quelle der Zerstörung. Sie hat uns ermöglicht, das Ökosystem schnell zu entblößen und zu vergiften, und hat das Aussterben eines Großteils der natürlichen Welt verursacht.

Energie- und Industrietechnologien haben unsere Atmosphäre und unsere Wasserwege destabilisiert und vergiftet. Unsere Cybertechnologie hat eine globale Industrie von Online-Finanzdiebstahl, Kinderpornographie und Raub, Identitätsdiebstahl, illegalen Drogen und vielen anderen kriminellen Aktivitäten geschaffen, die durch das Internet ermöglicht werden. Kriegstechnologien haben uns zur effektivst tötenden Spezies aller Zeiten gemacht. Im 20. Jahrhundert, dem bisher tödlichsten in der Geschichte, starben schätzungsweise 231 Millionen Menschen - die meisten von ihnen keine Kombattanten - in Kriegen und Konflikten. High-Tech-Waffen im 21. Jahrhundert sind noch besser in der Lage, Tod und Zerstörung auf Knopfdruck aus Tausenden von Kilometern Entfernung in großem Maßstab zu erreichen.

Wie Joanna Macy mir vor mehr als dreißig Jahren in einem Interview sagte: "Wir glauben, dass die Technologie uns retten wird. Die Technologie hat uns in dieses Schlamassel gebracht."

Und doch gehen viele Menschen davon aus, dass die Technologie unsere knorrigen ökologischen Probleme tatsächlich angehen wird, indem sie uns verändert, um uns an die Probleme anzupassen, oder indem sie uns einfach ganz von der Erde entfernt. Einige der Technotopiker, die glauben, dass die Technologie eine zukünftige Utopie schaffen wird, wollen uns zum Mars schicken. Es gibt auch diejenigen, die hoffen, dass wir unser biologisches Selbst ganz wegwerfen können (wer will einen Kadaver aus Fleisch herumschleppen?) und stattdessen einfach unser Bewusstsein in Computer laden und damit für immer leben. Für immer denken.

Oder wir ziehen es vielleicht vor, teils Cyber und teils Mensch zu sein. Elon Musk, Geschäftsführer von Tesla und Space X und Mitbegründer von Neuralink, hat Pläne in Arbeit, die es uns ermöglichen sollen, ein computergesteuertes neuronales Netz in unser Gehirn zu injizieren, ein schnurartiges Geflecht, das sich auf das Gehirn ausdehnt und die Fähigkeit schafft, sich mit einem Computer zu verbinden. Das Verfahren würde es ermöglichen, digitales Wissen direkt zu speichern und durch die eigene Graue Substanz abzurufen. Diese Mischung aus digitaler und biologischer Technologie würde aus Sicht von Musk eine Chance gegen die seiner Meinung nach kommenden Bedrohungen durch unregulierte künstliche Intelligenz bieten.

Musk arbeitet auch an Plänen zur Kolonisierung des Mars. Er sieht die Möglichkeit, dass der Mensch zu einer "Multiplanetenart" wird, von der er sich vorstellt, dass sie unsere Probleme auf der Erde lindern wird, insbesondere wenn der Dritte Weltkrieg ausbrechen sollte. Er stellt sich eine erste Etappe der Reise zum Roten Planeten in 35-stöckigen Raketen vor, die er derzeit entwirft. Der Plan von Musk umfasst auch gewölbte, terrassenförmige, versiegelte Gehege, in denen die Menschen auf dem Mars im Laufe ihrer Tage und Nächte leben werden (schließlich können sie nicht nach draußen gehen, da es fast keinen Sauerstoff, eine Atmosphäre mit 95% Kohlendioxid, Strahlungswerte von umgerechnet 24 CAT-Scans pro Tag und Durchschnittstemperaturen von minus 63 Grad Celsius gibt). Bill Maher hat in seiner Show "Real Time with Bill Maher" einen urkomischen und aufschlussreichen Beitrag über den Umzug zum Mars gedreht.

Bei der Planung eines Umzugs zum Mars könnte es auch sinnvoll sein, die psychologischen Auswirkungen von Erdlingen zu berücksichtigen, die eng beieinander leben und keinen Kontakt zur Außenwelt haben. Als Vorversuch einer Marskolonie haben wir so etwas Anfang der 90er Jahre auf der Erde versucht. Es hieß Biosphäre 2 und war ein Versuch, die Biosysteme der Erde in einer vollständig geschlossenen Gewächshausanlage zu replizieren, die etwa drei Hektar in der Arizonawüste bedeckte. Die Struktur enthielt sieben "Biome" (verschiedene Bioregionen wie Regenwald, Mini-Ozean, Korallenriff, Mangroven, Savanne) und war zwei Jahre lang die Heimat von acht Besatzungsmitgliedern, den so genannten "Biosphärianern", die ihre eigene Nahrung innerhalb der internen Systeme anbauten und diese am Laufen hielten.

Außer, dass es Probleme gab. Bald nach dem Experiment, das 1993 begann, begann der Kohlendioxidspiegel zu steigen und der Sauerstoff- und Nahrungsspiegel begann zu sinken. Darüber hinaus entwickelte sich ein Syndrom namens "irrationaler Antagonismus", bei dem Risse und Entfremdungen unter den acht Besatzungsmitgliedern zu einem Vier-gegen-Vier-Tribalismus führten, der bis zum Ende des Experiments anhielt. Wie Jane Poynter, eine der ursprünglichen Acht, in einem TED-Gespräch sagte: "Wir sind alle ziemlich durchgedreht, muss ich sagen." Ein Jahr später, im zweiten Versuch des Biosphärenlebens, konnte eine neue Gruppe genügend Nahrung anbauen und brauchte keinen zusätzlichen Sauerstoff, aber sie waren nur sechs Monate in der Anlage. Auf jeden Fall, wenn Probleme mit Sauerstoff, Nahrung oder Wasser auftraten, war Hilfe nur einen Telefonanruf und einen kurzen Ausflug entfernt, statt dreißig Millionen Meilen.

Ich habe viele Interviews mit Elon Musk gesehen. Ich mag ihn. Ich sehe ihn nicht als Dr. Evil. Er ähnelt dem genialen Kind in der Klasse, das Ihnen begeistert das Stromnetz zeigt, das er mit seinem Lego-Set gebaut hat. Musk und die Ingenieure, die die Natur neu gestalten, sind Teil einer langen Reihe von Techno-Zauberern, die unsere Epoche in das heutige Anthropozän verwandelt haben, "das geologische Zeitalter, in dem die menschliche Aktivität den größten Einfluss auf Klima und Umwelt hat".

Es war unser historisches Privileg, neue Grenzen ungenutzter Ressourcen zu erlangen, wenn wir diejenigen in unserem jetzigen Gebiet überzogen haben. Wir konnten immer an einen anderen Ort ziehen, entweder einen unbewohnten oder einen, der es verlangte, dass wir mit den Menschen, die bereits dort waren, verhandelten, sie unterwarfen oder eliminierten. Die Erde war groß und reichlich vorhanden für den größten Teil der Menschheitsgeschichte. Aber sie schrumpft jetzt rapide, das heißt, wir sind heute viel zahlreicher, während die Lebensräume, die das Leben unterstützen können, viel weniger sind, wie Bill McKibbin in einem New Yorker Artikel aus dem Jahr 2018 mit dem Titel "How Extreme Weather is Shrinking the Planet" beschreibt.

Die eigentliche "Wirtschaft" ist nun die Weltbevölkerung im Verhältnis zu den lebensfähigen Lebensräumen. Darin sind wir im Defizit. Und so mag es für Menschen wie Elon Musk und andere eine großartige Idee erscheinen, neue Wege zu finden, wie das menschliche Leben weitergehen kann, entweder im Weltraum oder mit einer neuen Art von Gehirn.

Geo-Engineering oder Klima-Engineering ist eine realistischere Form von Techno-Fixes, da viele der Vorschläge eher möglich sind als Cyber-Optimierung unseres Gehirns, Herunterladen des Bewusstseins oder Umzug zum Mars. Aus diesem Grund ist Geo-Engineering beunruhigender, da es wahrscheinlich zunehmend eingesetzt wird, wenn die Welt bald verzweifelter wird.

Eine Art von Geo-Engineering ist das Solarstrahlungsmanagement (SRM), der Versuch, Sonnenlicht wieder ins All zu reflektieren. Vorschläge dafür sind das Versprühen von Tonnen von Sulfaten (oder, etwas weniger beunruhigend, Salzkristallen) in die Atmosphäre, um das Sonnenlicht abzublocken, und das Modifizieren von Wolken, Pflanzen und Eis, um sie reflektierender zu machen. Im Frühjahr 2019 plant eine Gruppe von Harvard-Wissenschaftlern, eine neue Technologie zu testen, die das Sonnenlicht blocken soll, indem sie Calciumcarbonat in die Stratosphäre über dem Südwesten der USA freisetzt. Ein offensichtliches Problem mit SRM ist, dass wir die Erde, abgesehen von den potenziell tödlichen Auswirkungen, wenn wir die Luft durcheinander bringen, die wir atmen, weiterhin vom Boden aus erwärmen werden. Es wäre so, als wenn du an einem heißen Tag einen Sonnenreflektor an die Scheibe deines Autos hängst. Das Auto erwärmt sich immer noch im Inneren, aber etwas weniger schnell.

Eine weitere Art von Geo-Engineering ist bekannt als Carbon Capture and Sequestration (CCS), bei der Kohlenstoff aus der Atmosphäre entfernt und Anlagen zur Speicherung gebaut werden. Einer der vielen Vorschläge, die in Betracht gezogen werden, ist, den Ozean mit Eisenpellets zu impfen, um Planktonblüten zu erzeugen, die Kohlenstoff absondern. Ein weiterer Weg in diese Richtung ist die so genannte Bio Energy Carbon Capture and Storage (BECCS). Ein Beispiel dafür, welches heute ein Demonstrations-Projekt in Großbritannien ist, ist die Verbrennung von Holz und die anschließende Abscheidung des Kohlenstoffs. Die Idee dabei ist, dass Bäume Kohlenstoff absondern, so dass deren Anbau und Verbrennung in einer nahe gelegenen Abscheideanlage zu negativen CO2-Emissionen führen würde. Kritiker dieser Methode sagen, dass sie die teuren Energieprozesse (und die dabei verursachten Kohlenstoffemissionen), die an einem solchen Umweg beteiligt sind, nicht richtig berücksichtigt.

Wenn du dich beim Lesen von diesen Methoden mulmig fühlst, bist du nicht allein. Viele von uns wehren sich intuitiv dagegen, die Atmosphäre zu manipulieren oder Methoden zu entwickeln, die es ermöglichen, die CO2-Emissionen wie bisher fortzusetzen, in dem irregeführten Glauben, dass wir so mit der Situation umgehen können. Es besteht die Sorge, dass unbeabsichtigte Folgen die Zerstörung beschleunigen könnten. Und es gibt eine fast zelluläre Traurigkeit bei dem Gedanken, dass menschliche Hände jetzt das Klima weiter manipulieren, nachdem wir es bereits so weit aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Aber viele Menschen wollen Geo-Engineering ausprobieren, auch wenn viele Daten zeigen, wie ineffektiv, kohlenstoffintensiv und gefährlich es ist.

Clive Hamilton, Professor für öffentliche Ethik und Mitglied der Climate Change Authority of Australia, geht in seinem detaillierten Buch Earth Masters ausführlich darauf ein: Der Beginn des Zeitalters der Klimatechnik. Siehe auch den Bericht von Greenpeace über die Abscheidung, Sequestrierung und Speicherung von CO2.

Geo-Engineering-Pläne sind abschreckend, weil sie nicht nur von Verschwörungs-Köchen vorgeschlagen werden, sondern von einigen der reichsten, mächtigsten und brillantesten Ingenieursköpfe unserer Zeit. Und sie werden von Koalitionen großer Öl- und Gasunternehmen finanziert, zusammen mit Regierungen, die sich auf die Wissenschaft verlassen, damit sie negative Auswirkungen mildert.

Obwohl der Profit zweifellos ein starkes Motiv ist, ist es nutzlos, Menschen, die diese Wege gehen, zu verteufeln, besonders wenn sie das Gefühl haben, dass sie eine Krise mildern. Aber es ist auch wichtig zu verstehen, dass ihre Weisheit vielleicht nicht so entwickelt ist wie ihre besonderen Formen der Intelligenz. Es ist nicht notwendigerweise wahr, dass wir etwas versuchen sollten, nur weil eine Technologie es ermöglicht und wir uns in einer Krise befinden. ("Wenn wir es könnten, sollten wir es tun.") Wir haben jetzt auf eigene Gefahr die langfristigen Folgen vieler unserer Technologien ignoriert und diese Technologien ohne öffentliche Diskussion bereit gestellt.

Wie Jerry Mander mir in einem Interview 1991 nach der Veröffentlichung seines Buches In the Absence of the Sacred: The Failure of Technology and the Survival of the Indian Nations sagte: "Neue Technologien werden uns vorgestellt, ohne eine umfassende Diskussion darüber, wie sie den Planeten beeinflussen werden, soziale Beziehungen, politische Beziehungen, menschliche Gesundheit, Natur, unsere Vorstellungen von Natur und uns selbst. Jede Technologie, die auftaucht, wirkt sich auf diese Dinge aus. Autos zum Beispiel haben die Gesellschaft völlig verändert. Hätte es eine Debatte über die Existenz von Autos gegeben, hätten wir gefragt: "Wollen wir, dass die gesamte Landschaft gepflastert wird? Wollen wir, dass sich die Gesellschaft in konkrete städtische Zentren bewegt? Wollen wir, dass ein Rohstoff – Öl – die menschlichen und politischen Beziehungen in der Welt dominiert? Unserer Kultur fehlt eine philosophische Grundlage, ein Verständnis der angemessenen menschlichen Rolle auf der Erde, die diese Entwicklungen beeinflussen würde, bevor sie eintreten. Ein solches Verständnis würde es uns ermöglichen zu sagen: Nein, wir können nicht in diese Richtung gehen, weil es eine Ent-Sacralisierung des Lebens ist, ein Versagen, in der natürlichen Welt geerdet zu sein, und kein Gefühl für Grenzen. Siehst du, sobald du in einer industriellen, technologischen Gesellschaft lebst, werden Entscheidungen viel schwieriger. Selbst wenn du glaubst, dass Autos unangemessen sind, kannst du ohne die Verwendung eines Autos fast nicht funktionieren. Man kann nicht funktionieren, wenn man kein Telefon oder einen Computer hat - es sei denn, man zieht sich aus der Teilnahme in der Gesellschaft zurück."

Die Diskrepanz zwischen Weisheit und Intelligenz kann auch der unvermeidliche Untergang vieler anderer Arten von Leben im Universum sein. Es gibt eine Theorie namens The Great Filter, die versucht zu erklären, warum wir trotz der überwältigenden Chancen, dass es Leben auf anderen Planeten gibt, nichts von ihnen gehört haben. Astrophysiker haben nun berechnet, dass es im bekannten Universum etwa 10 Milliarden Billionen Planeten gibt, die das hätten, was sie "eine Goldlöckchenzone" nennen würden, Planeten, deren Umlaufbahnen in einer bestimmten Nähe zu ihrem Stern liegen, die unserem eigenen ähnlich ist, nicht zu nah und nicht zu weit entfernt. Genau richtig.

Der Große Filter schlägt vor, dass eine Zivilisation, bevor sie das Entwicklungsniveau erreicht, das eine intergalaktische Kommunikation und Reisen ermöglichen würde, sich durch Klimawandel, Überbevölkerung oder andere Faktoren, die mit dem Aufstieg der technologischen Zivilisation zu tun haben, auslöscht. Wie Adam Frank, Professor für Astrophysik an der University of Rochester, New York, in einem Interview mit Chris Hedges erklärte: "Wenn man eine Industriekultur wie die unsere entwickelt, wird der Weg derselbe sein. Insbesondere werden sie es schwer haben, den Klimawandel nicht auszulösen. Im Gegensatz zu einem Atomkrieg. Damit sich eine Zivilisation durch einen Atomkrieg selbst zerstören kann, muss sie bestimmte Arten von emotionalen Eigenschaften haben, richtig? Du kannst dir einige Zivilisationen vorstellen (die sagt): "Ich baue diese nicht; die sind verrückt! Aber vor dem Klimawandel wirst du nicht davonkommen. Wenn du eine Zivilisation aufbaust, verbrauchst du riesige Mengen an Energie; Energie, die sich selbst auf den Planeten rückkoppelt, und du wirst dich in eine Art Anthropozän stürzen, also ist es wahrscheinlich universell. Und dann lautet die Frage: "Kommt jemand durch?"

Schließlich ist jeder einzelne von uns ein Wärmemotor. Studien am MIT und anderswo haben gezeigt, dass der globale durchschnittliche CO2-Emissionsfußabdruck pro Person und Jahr vier Tonnen beträgt (der amerikanische Durchschnitt pro Person beträgt zwanzig Tonnen pro Jahr).

Ich habe die Theorie des Großen Filters zum ersten Mal vor ein paar Jahren gelesen. Es machte für mich damals und bis heute Sinn. In den vergangenen Jahren hatte ich unsere Zwangslage als "Artenproblem" betrachtet, dass wir einen schrecklichen Knick in unserer Evolution hatten, der uns ökozid, mörderisch und selbstmörderisch machte. Aber die Theorie des Großen Filters erlaubte es mir zu sehen, dass die Menschen nur das tun, wozu wir evolutionär bestimmt waren. Es ist keine Verirrung der Evolution, auch wenn sie alles komplexe Leben zerstören wird. Sie ist auch nicht das Ergebnis eines einzigen Evolutionsfadens, eines bestimmten Alters oder technologischen Fortschritts oder Wirtschaftssystems.

Nehmen wir zum Beispiel den Kapitalismus. Der ist in seinem Kern nicht nachhaltig, da er auf eine kontinuierliche wirtschaftliche Expansion und Wachstum in einem System endlicher Ressourcen angewiesen ist. Dabei beschleunigt er auch die vollständige Beseitigung der Ressourcen, auf die er angewiesen ist. Aber das Problem ist, dass das menschliche Wesen sich den Herausforderung dieses Systems nicht stellen wird, solange die Waren weiter fließen, unabhängig von den zukünftigen Kosten. Der Kapitalismus ist eine perfekte Darstellung des menschlichen Bedürfnisses und der Gier nach mehr, die Zukunft ist verdammt. Nur sehr wenige Kulturen in der modernen Zivilisation haben es geschafft, sich ihr zu widersetzen. Inzwischen gibt es viele falsche Hoffnungen rund um den "Grünen Kapitalismus" und den Green New Deal in den USA. Da der Kapitalismus, egal welcher Couleur, unweigerlich auf die Gewinnung von Ressourcen bei der Produktion oder dem Transport von Gütern angewiesen ist, ist die Ermutigung zum Grünen Kapitalismus eine weitere Form von betrügerischen Verhandlungen in den Trauerphasen von Kübler-Ross. Wie Derrick Jensen es elegant definiert: "Der Kapitalismus ist ein System, durch das die Lebenden in die Toten umgewandelt werden."

Der Kapitalismus selbst steuert auf sein eigenes Ende zu. Da die Ressourcen schwinden und die Zahl der Menschen, die um sie wetteifern, zunimmt, stehen wir vor dem Zusammenbruch des größten Ponzi-Systems überhaupt, des globalen Finanzsystems.

Das End des Vermächtnisses

Während dein Bewusstsein die tödlichen Bedrohungen vor dir und die Unwahrscheinlichkeit von Lösungen, die den Kurs ändern werden, metabolisiert, könntest du eine seltsame Neuordnung deiner Gedanken und Motivationen entdecken. Zum einen musst du nicht mehr darüber nachdenken, was du hinterlassen könntest, da es wahrscheinlich niemanden geben wird, der es sieht oder erlebt, zumindest nicht lange.

Es entsteht eine kognitive Dissonanz, an die man sich gewöhnen muss, wenn man merkt, dass man nicht mehr darüber nachzudenken braucht, wie man sich in Zukunft an einen selbst oder seinen Namen erinnern wird. Und nicht nur das, dein Interesse an Zukunftsprojektionen über das Leben beginnt zu schwinden. Du wirst staunen, wie viele persönliche Gespräche mit Menschen, die du kennst, oder Nachrichten aus der ganzen Welt davon ausgehen, dass das menschliche Leben auf unbestimmte Zeit weitergeht. Vielleicht fällt es dir schwer, dich für diese Gespräche und Geschichten zu interessieren, als ob du auf einen Verrückten an einer Straßenecke gestoßen wärst, der seine großen Pläne für die Zukunft ernsthaft verkündet, während klar ist, dass er halluziniert. Du hängst nicht an jedem seiner Worte.

Aber die Gewohnheit des Zukunfts-Denkens ist schwer zu erschüttern.

Menschen sind oft konditioniert auf die Idee, ein Erbe zu hinterlassen, und sie verbringen einen Großteil ihres Lebens in einer vielleicht unbewussten Hingabe an dieses Projekt. Sie errichten auf vielfältige Weise Denkmäler für ihren Namen oder die Namen ihrer Lieben, vom indischen Taj Mahal bis zum Namen auf einer Parkbank in ihren Heimatstädten. Sie bauen Finanzimperien auf oder hinterlassen Werke, Kunstwerke, Literatur, Ideen und Erfindungen. Einige Menschen wollen vielleicht einfach nur in den Erinnerungen derer leben, die sie geliebt haben.

Aber die häufigste und bei weitem emotional aufgeladenste Form des Vermächtnisses ist die Geburt von Kindern. Diese Zeiten fordern alle üblichen Freuden und Hoffnungen heraus, die Eltern haben könnten, wenn sie ihre Kinder wachsen sehen. Du schaust ihnen zu, wie sie nach Prüfungen pauken, Geige spielen lernen, sich für Programme bewerben oder jede andere Ausbildung oder Aktivität, bei der harte Arbeit und Studium in der Gegenwart zukünftige Fortschritte versprechen, und dein Herz schmerzt. Wenn du vor dem Aussterben stehst, denkst du: "Was ist der Sinn all dieser Bemühungen; sollten sie sich überhaupt die Mühe machen, zur Schule zu gehen? Vielleicht sollten wir einfach Wege finden, die verbleibende Zeit mit unseren Kindern ohne zukünftige Ziele zu genießen." Vielleicht fragst du dich, ob du dein Bankkonto aufbrauchen solltest, falls du so privilegiert bist, dass du über überschüssiges Vermögen verfügst.

Das Loslassen der Zukunft bedeutet, die Tendenzen des Denkens über die Zukunft neu zu ordnen. Wie psychologisch investiert du in deine Ideen und Hoffnungen für die Zukunft warst, wird wahrscheinlich bestimmen, wie gut du darin wirst, diese Art von Gedanken zu ignorieren, wenn sie entstehen. Du magst auch feststellen, dass eine stärkere Hinwendung zu gegenwärtigem Bewusstsein in den Vordergrund tritt. Und wenn dein eigenes Legacy-Projekt viel Stress und Anstrengung mit sich brachte, in der Hoffnung, einen Namen für sich selbst aufzubauen (oder zu erhalten), kannst du sogar große Erleichterung und Freiheit in der Irrelevanz dieser Gedanken und ihrer Bemühungen finden. Du kannst sowohl vom Legacy-Projekt für die Zukunft als auch von einem ähnlichen Projekt in der Gegenwart befreit werden, das ich "The Me Project" nenne, das sich der Selbstherrlichkeit verschrieben hat und insbesondere bei Social Media-Süchtigen im Trend liegt.

Das bedeutet natürlich nicht, dass deine lebensbejahenden Handlungen in der Gegenwart irrelevant sind. Pulitzer-Preisträger und U.S. Dichterpreisträger W.S. Merwin schrieb: "Am letzten Tag der Welt würde ich einen Baum pflanzen wollen." Es ist die reinste Art des Opferns, eine, die keine Chance auf zukünftige Belohnung hat. Auch wir können unsere letzten Taten auf Erden zu einem Zeugnis der menschlichen Fähigkeit zur Barmherzigkeit machen, zu einer lebendigen Verbeugung vor unserem höchsten Gut um ihrer selbst willen - auch wenn sie den Tag nicht retten wird.

Keine Schuldzuweisungen

Manchmal empfindest du vielleicht Wut, wenn du die Schändung der natürlichen Welt siehst und erkennst, dass ihre Zerstörung auf menschliche Aktivitäten auf dem Planeten zurückzuführen ist. Es erscheint auf tragische Weise ungerecht, dass eine Art die Eliminierung fast aller anderen Arten bewirken kann. Die Rate des Aussterbens ist heute etwa 1.000 mal so hoch als vor der Ankunft der Menschen. Es ist natürlich, die Schuld irgendwo abladen zu wollen. Wir möchten eine Ursache, auf die wir unsere Wut verdrängen und ein Gefühl der Kontrolle haben können. "Wenn wir nur die Landwirtschaft nicht entwickelt hätten" (die eine langfristige Lagerung von Lebensmitteln und Überbevölkerung ermöglichte) "Wenn die Welt nur von Matriarchien regiert worden wäre", "wenn wir nur ein bottom-up Wirtschaftssystem hätten". "Hätten wir nur alle gelernt zu meditieren." Wenn nur.

In einem kürzlich veröffentlichten Blogbeitrag schlug der Schriftsteller James Kunstler eine prägnante Theorie vor, warum der Mensch jeden Schritt seines Weges in der Geschichte gewählt hat: "Es schien damals eine gute Idee zu sein." Wir stürzten uns auf jede neue Art und Weise, Dinge zu tun, auf jede neue Erfindung, weil es damals das Leben einfacher machte. Wir hatten nich die Absicht, uns selbst zu zerstören. Im Gegenteil, die meiste Zeit seit der industriellen Revolution schien es, als würde das Leben für eine größere Anzahl von Menschen besser werden. Mit dem medizinischen Fortschritt haben wir die meisten der ansteckenden tödlichen Krankheiten ausgelöscht, kontrollierten Infektionen und verlängerten die Lebenserwartung bedeutend. Wir bauten Transportsysteme, die es uns ermöglichten, an einem Tag bis an die äußersten Enden der Erde zu reisen und dabei auf dem eigenen Rasen andere Kulturen kennenzulernen. Und dann haben wir uns in einer Welt der unmittelbaren Kommunikation miteinander verbunden, die eine Menge Spaß gemacht hat. Aber wir haben die Kosten für all diese Großzügigkeiten nicht berücksichtigt, als wir die moderne Zivilisation aufgebaut haben. Wir verstanden nicht, dass der Betrieb der Welt mit fossilen Brennstoffen, die für unsere Maschinen benötigt wurden - unsere Autos, Flugzeuge, Frachtschiffe, Tanker, Stromnetze und so ziemlich alles - uns eines Tages ins Verderben stürzen würde. Fast alle von uns gingen mit auf die Fahrt und genossen die Vorteile, und jetzt ist die Party vorbei und die Rechnung ist fällig. Aber wo können wir die Schuld hinschieben?

Als theoretischer Physiker sinnierte Peter Russell 2016 in einem Podcast-Gespräch mit mir: "Was wäre, wenn wir uns selbst als eine kosmische Flamme sehen würden, die im Universum blüht und zu ihrem natürlichen Ende kommt?"

Was, wenn wir allen alles vergeben würden?

Trauer

Wir trauern, weil wir lieben. In dem Maße, in dem dein Herz über den Verlust zerbrochen ist, findet sich auch genau das Maß, in dem du das geliebt hast, was vergangen ist. Wir wissen, dass die Auseinandersetzung mit dem eigenen persönlichen Tod oder dem Tod eines geliebten Menschen zu Akzeptanz führen kann, der letzten Phase der Trauer von Kübler-Ross. Es gibt unzählige Beispiele für dieses Aufrechnen, bei der ein Sterbender die letzten Fäden loslässt, die ihn an diese Welt binden und in Frieden stirbt. Ich persönlich kenne Dutzende von Menschen, die auf diese Weise gestorben sind. Und wir kennen auch viele Fälle, in denen es den Menschen gelungen ist, den Tod eines geliebten Menschen zu akzeptieren und in ihrem eigenen Leben weiterzumachen, oft mit größerer Wertschätzung für diejenigen, die noch hier sind.

Aber den Tod allen Lebens zu erleben, auch wenn dessen Tatsache akzeptiert werden und man niemandem oder irgendetwas mehr die Schuld geben kann, bringt eine andere Art von Trauer mit sich. Es ist deprimierend in einem Ausmaß, das einzigartig in unserer Zeit ist. Schon als Kind hatte ich das Gefühl, dass die schrecklichsten Filme diejenigen waren, die vom Ende allen Lebens auf dem Planeten handeln. Jetzt spielen diese Bilder in unseren Köpfen als eine echte Möglichkeit, und die Menschen fühlen sich von ihnen niedergeschlagen. Auf der ganzen Welt gibt es Wellen von Not, Angst und Depression, die den tatsächlichen Umständen geschuldet sind und nicht nur auf einer schief gelaufenen Gehirnchemie beruhen. Not, Angst und Depressionen sind angemessen, um der Gefahr des vollständigen Aussterbens zu begegnen.

Egal wie klar und rational wir die Situation auch verstehen, viele meiner Freunde, die sich des Aussterbens bewusst sind, geben zu, dass das Ausmaß des Verlustes, den wir erleiden werden, für die innerste Psyche unannehmbar ist. Es könnte so ähnlich sein, wie wenn ein Elternteil ein kleines Kind verliert. Selbst wenn es niemanden gibt, den man beschuldigen kann, und keine Geschichte in der Art von "wenn nur", kann der Schmerz selten vollständig überwunden werden. Nur diesmal sind es all die kleinen Kinder. Alle Tiere. Alle Pflanzen. Das ganze Eis.

Viele von uns empfinden auch vorausahnende Trauer, das heißt, während der Zeit, die zum völligen Aussterben führt, sind wir uns bewusst, wie schwer es für diejenigen sein wird, die bereits am Rande leben, wie die fast eine Milliarde Menschen, die jetzt unterernährt sind und jeden Tag nach Nahrung suchen müssen. Diese Zahlen werden steigen, Lebensmittel und Süßwasser werden nicht mehr zu finden sein. Selbst hier in einem reichen Land kenne ich viele Menschen, die von Monat zu Monat leben, kaum die Miete verdienen und auf alles außer den elementarsten Notwendigkeiten verzichten. Sie gelten als die Armen in unseren reichen Ländern, und auch ihre Zahl wächst. Allein in den Vereinigten Staaten leben viele derjenigen, die früher Mittelstand waren, heute in ihren Autos, in Obdachlosenheimen oder auf der Straße. Selbst diejenigen, die sich in Situationen des Überflusses befinden, verlassen sich oft auf Arbeitsplätze, die im Begriff sind, zu verschwinden, oder auf Bankkonten und Investitionen, die wahrscheinlich ebenfalls verschwinden werden. Schließlich besteht ein Großteil des so genannten Reichtums der Privilegierten bloß aus numerischen Ziffern, die auf Cyberbildschirmen schweben. Diese Zahlen änderten sich an einem einzigen Tag während der globalen Finanzkrise von 2008. Eines Tages flackerte für eine Portfoliobilanz eine Zahl auf dem Bildschirm, am nächsten Tag flackerte eine Zahl, die weitaus geringer war.

Vielleicht beginnst du, vorausahnende Trauer für alles zu erleben - die Tiere, die Jungen, die Armen, die Neuarmen, die Mittelschicht, die Reichen und vor allem deine eigenen Lieben. Nur wenige Menschen sind auch nur im Geringsten auf das Kommende vorbereitet, sei es emotional oder physisch, vielleicht vor allem diejenigen, die am meisten privilegiert sind. Ein Freund erzählte mir folgende Geschichte: Sein Vater war ein Überlebender eines der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Er sagte, dass die Menschen, die die besten Überlebenschancen in den Lagern hatten, diejenigen waren, die aus einem in Leben Armut und Not zu den Lagern gekommen waren. Diejenigen, die aus dem Privileg gekommen waren, waren die ersten, die starben.

Ich bin mir bewusst, dass praktisch niemand in meiner Familie und nur wenige meiner Freunde bereit sind, diese Informationen jetzt zu hören oder bereit sind, sich dem zu stellen, was bevorsteht. Es ist sinnlos, zu versuchen, sie zu warnen, wenn sie nicht bereit sind. Meine Andeutungsversuche führen in der Regel zu leeren Blicken oder Aufregung. Ich habe akzeptiert, dass es für einige Menschen ihr Schicksal ist, den Lauf des Lebens fortzusetzen, ohne die Gefahren zu kennen. Vielleicht ist es am besten, wenn sie die verbleibenden guten Zeiten genießen, auch wenn es in der letzten Phase zu extremer Panik kommen kann. Vielleicht ist es auch gut, dass sie so lange wie möglich weitermachen wie bisher. Vielleicht verschiebt es das Chaos und die Gesetzlosigkeit auf der ganzen Welt, bis die Systeme vollständig zusammenbrechen. Aber für diejenigen von uns, die nicht wegschauen können, tragen wir die vorausschauende Trauer für diejenigen, die es nicht ertragen können zu schauen.

Der preisgekrönte Klimajournalist Dahr Jamail (dessen Artikel auf Truthout.org die umfassendsten Übersichten und Zusammenstellungen zu verschiedenen Formen der Klimaveränderung sind, auf die ich gestoßen bin) kennt den Prozess der Trauer, dadurch dass er Erdveränderungen vor seinen eigenen Augen beobachtet. Als langjähriger Bergsteiger, der diese Regionen gekannt hatte, als die Gletscher noch voll waren, hat er den permanenten Rückzug unzähliger Gletscher in Alaska, im pazifischen Nordwesten und anderswo beobachtet.

Im letzten Kapitel seines ausgezeichneten Buches The End of Ice: Bearing Witness and Finding Meaning in the Path of Climate Destruction" schreibt er: "Jedes Mal, wenn eine weitere wissenschaftliche Studie veröffentlicht wird, die eine weitere Beschleunigung des Eisverlusts auf dem Arktischen Ozean zeigt, oder wenn die Prognosen für den Anstieg des Meeresspiegels noch einmal intensiviert werden, oder wenn Nachrichten über eine andere ausgelöschte Spezies verkündet werden, bricht mein Herz für das, was wir getan haben und dem Planeten antun. Ich trauere, aber dieser laufende Prozess ist eher wie das Zurückschälen der Schichten einer Zwiebel geworden - es gibt immer mehr zu tun, da sich die Krise, die wir für uns selbst geschaffen haben, weiter entfaltet. Und irgendwo auf diesem Pfad gab ich es auf, mich daran zu klammern, dass meine Arbeit irgendwelche Ergebnise zeigen könnte. Ich bin frei von Hoffnung."

Ich habe kürzlich Dahr zu der Frage der Hoffnung in Bezug auf die vielen unbedenklichen oder natürlichen Geo-Engineering-Projekte zur Minderung und Absenkung des Kohlenstoffs befragt, die im Gegensatz zu den oben genannten beängstigenden Projekten im Gange sind. Dazu gehören das Pflanzen von Bäumen, die Anreicherung von Böden, die Verwendung spezieller Formen effektiver Algen zur CO2-Abscheidung, Solarparks, Onshore-Windturbinen, pflanzenreiche Ernährung und die Bildung von Mädchen (gebildete Mädchen haben weniger Babys), um nur einige zu nennen. Dahr ist jedoch skeptisch, was den Zeitplan dieser Vorschläge angeht.

"Hoffnung ist eine Frage der Zukunft und gibt uns das Gefühl, dass wir mehr Zeit haben, wenn wir in Wirklichkeit ohne Zeit sind. Ich finde es großartig, dass die Menschen Dinge tun, um den Schaden zu mildern, da es das Richtige ist. Einige von uns fühlen sich moralisch verpflichtet, auf diese Weise zu handeln. Andererseits, wenn man sich die Menge an Kohlenstoff ansieht, die abgezogen werden muss, und wie schnell das geschehen muss, ist es eine physische Unmöglichkeit, das auf das Niveau zu bringen, das wir brauchen würden.

"Nehmen wir zum Beispiel die groß angelegte Verjüngung des Bodens. Wenn jeder Landwirt dazu angehalten und beauftragt worden wäre, Praktiken zur Verjüngung des Bodens auf weltweiter Ebene einzuführen, und wir das mit einer großflächigen Baumpflanzung verbunden hätten - natürlich brauchen all diese Dinge Zeit -, dann hätten wir zumindest einige Maßnahmen in die Wege geleitet, die noch helfen könnten. Was natürliches Geo-Engineering, Bodenversiegelung, Bepflanzung von Bäumen usw. unmöglich macht, ist, dass es fast völlig an politischem Willen mangelt, etwas davon zu verlangen. Wenn wir plötzlich die schrecklichen Regierungen durch funktionale ersetzen könnten, die das repräsentieren, was wir jetzt brauchen, und wenn alle Mittel dorthin fließen würden, ja, dann könnte das tatsächlich zu einem Schub bei der Minderung der Erderwärmun führen. Aber die Realität ist, dass es kein einziges Land gibt, von dem ich weiß, das all dies tun könnte. Sicherlich tut keiner der großen Emittenten - Russland, die USA, China und Indien - etwas Bedeutendes; alle vier treten nur auf das Gas. Es gibt nichts, was darauf hindeutet, dass ein Kurswechsel stattfinden wird. Nichts. Nicht jetzt. Nicht nächstes Jahr. Nicht in zehn Jahren. Der Mangel an politischem Willen wird also alle natürlichen geotechnischen Anstrengungen zunichte machen.

"Dennoch sind wir nach wie vor verpflichtet, auf unsere eigene Weise das zu tun, was wir können, auch wenn es keine Chance für eine langfristige Minderung gibt. Ich sprach mit einem Freund, bevor ich mein Buch fertiggestellt hatte, und ich sagte zu ihm: "Warum überhaupt dieses Buch schreiben? Und mein Freund sagte: "Weißt du, Dahr, wenn das Gesamtergebnis deines Buches einen kleinen Organismus im Amazonas noch eine Woche des Lebens erkauft, dann ist es das vollkommen wert."

Doch oft wird uns gesagt, dass wir nicht ohne Hoffnung auf ein zumindest einmaliges Ergebnis weitermachen können. Da unsere westlichen Kulturen, insbesondere die Amerikas, auf ein fast kindliches Festhalten an der Hoffnung fixiert sind, feiern sie alte Klischees wie "Du musst Hoffnung haben", "Verliere die Hoffnung nicht, "Halte die Hoffnung am Leben". Politiker und Geschäftsführer werden mit solchen Slogans gewählt. Aktivisten erhalten Mittel für ihre Projekte und Ideen, obwohl sie fünf Jahrzehnte zu spät kommen. Und religiöse und New-Age-Denker lassen Millionen mit spirituellem Hopium hausieren, einer selbstinduzierten Vergiftung, die die Realität ignoriert und eine Illusion von Kontrolle oder Entkommen bietet. Es gibt Zeiten und Orte der Hoffnung, an denen es möglich ist, einen Kurs zu ändern, der geändert werden kann. Aber an der Hoffnung festzuhalten, wenn es nichts mehr zu tun gibt, wenn der Kurs nicht geändert werden kann, macht die Hoffnung selbst zu einer Last. Man wird zu innerer Täuschung gezwungen, zu tieferer Verleugnung. Für Menschen, die nur begrenzte Möglichkeiten der Verleugnung haben, und ich vermute, dass, wenn man so weit gelesen hat, man einer von ihnen ist, wird es unmöglich, die Hoffnung aufrechtzuerhalten. Es ist eine überraschende Erleichterung, sie loszulassen.

Allerdings kannst du dann die ursprüngliche Kraft der Trauer erleben. Trauer, unmittelbar. Sie kann sich in deine Träume einschleichen. Sie kann in gewöhnlichen Momenten kommen, wie z.B. wenn man das Aerosol einer Orange riecht; oder wenn ein Kind, das man liebt, die Worte sagt: "Wenn ich erwachsen bin...". Sie kann auftauchen, wenn du Gier, Unwissenheit und Grausamkeit beobachtest, da dies Erinnerungen daran sind, warum die Welt stirbt. Manchmal hast du das Gefühl, dass du weinen könntest und nie aufhören zu weinen.

Um standhaft zu bleiben, wirst du vielleicht in eine bezeugende Präsenz gezwungen, die groß genug ist, deine Trauer zu halten. Du kannst dich daran gewöhnen, mit Trauer zu leben, ohne zu anzunehmen, dass sie sich auflösen sollte oder wird. Trotzdem oder gerade deshalb kann es sein, dass du eine wachsende Tendenz bemerkst, einfache Momente der Verbindung und viele kleine Freuden zu schätzen. Und du wirst dich vielleicht wacher fühlen als lange Zeit zuvor.

Das Leben mit der Trauer über das Aussterben des Menschen kann so aussehen, wie eine Person mit einer Enddiagnose ihre Endphase erlebt. Das Bewusstsein für den Tod ist unbestreitbar und die Pracht des Lebens wird immer offensichtlicher.

Liebe

So kommt, meine Freunde, habt keine Angst.
Wir sind so leicht hier.
In Liebe werden wir gemacht.
In Liebe vergehen wir.
-Leonard Cohen.
" Boogie Street".

Was kann man jetzt noch tun? Hier sind wir, einige der letzten Menschen, die diesen schönen Planeten erleben werden, seit der Homo sapiens seine Reise vor etwa 200.000 Jahren begonnen hat. Jetzt, da wir vor dem Aussterben unserer Spezies stehen, werden Sie sich vielleicht fragen, ob es Sinn macht, weiterzumachen. Wenn deine zukünftigen Projekte keinen Sinn mehr machen, wenn du das Gefühl hast, dass es unklug ist, Kinder zu haben, und dass die Dinge wirklich hart und schlecht werden, willst du vielleicht nicht mehr leben. Dennoch gibt es andere Möglichkeiten, deine Aufmerksamkeit zu nutzen, die das Leben immer noch relevant und sogar schön machen.

Seit fast dreißig Jahren leite ich öffentliche Sessions und stille Retreats auf der ganzen Welt. Bei diesen Treffen ermutige ich die Menschen, ihre eigene Aufmerksamkeit zu lenken, indem sie sie in gegenwärtiges Bewusstsein, Dankbarkeit und ein Eintauchen in die Sinne versetzen. Wie auch immer du deine Aufmerksamkeit in einem bestimmten Moment verwendest, es bestimmt die Erfahrung, die du in diesem Moment machst. Wir leben in einer Zeit, in der es notwendiger denn je ist, dass wir unsere Aufmerkssamkeit steuern können, um gelassen zu bleiben, um genießen zu können und in der verbleibenden Zeit hilfreich zu sein. Die Aufmerksamkeit zu lenken ist eine Fähigkeit, die uns mit der Zeit zur Gewohnheit wird. Den eigenen konditionierten Mustern überlassen, gerät unser Verstand in alle möglichen Schwierigkeiten (es sei denn, man hatte großes Glück in seiner Konditionierung, was selten ist). Die Entwicklung der Routine, das Bewusstsein neu zu lenken, wenn der Verstand in Angst oder beunruhigenden Geschichten versunken ist, schafft Vertrauen auf deinem Weg. Deine Aufmerksamkeit beginnt häufiger zur Leichtigkeit zu neigen. Du entdeckst, dass du dich für Gelassenheit entscheiden kannst. Du kannst Dankbarkeit wählen. Du kannst die Liebe wählen.

Jonathan Franzen, Gewinner des National Book Award und vieler anderer literarischer Auszeichnungen, schreibt in seinem neuesten Buch The End of the End of the Earth: "Auch in einer Welt des Sterbens werden immer wieder neue Lieben geboren". Dies ist jetzt die Zeit, sich dem hinzugeben, was du liebst, vielleicht auf neue und tiefere Weise. Deine Familie und Freunde, deine Tierfreunde, die Pflanzen um dich herum, auch wenn das nur die kleinen Keime bedeutet, die sich ihren Weg durch den Bürgersteig in deiner Stadt bahnen, das Gefühl einer Brise auf deiner Haut, der Geschmack von Essen, die Erfrischung von Wasser oder die Tausenden von kleinen Dingen, die deine Welt ausmachen und die deine eigenen einzigartigen Schätze und Freuden sind. Lasse deine Momente in der Erfahrung deiner eigenen Sinne erstrahlen und lenke deine Aufmerksamkeit auf alles, was dein Herz erfreut. Lebe jetzt deine bucket list (das, was du noch erleben möchtest; Anm. d. Übers.).

Es gibt auch einige einfache Überlegungen und Handlungen, die hilfreich sein könnten:

Finde deine Community (oder erstelle eine). Die Menschen beginnen zu erwachen und sprechen darüber auf der ganzen Welt. Eine neue Gruppe namens Extinction Rebellion, die in Großbritannien begann, trifft sich nun in vielen Städten Europas, Nordamerikas und Australiens. Sie können dich vielleicht mit Menschen in deiner Nähe zusammen bringen. Es gibt auch mehrere Online-Gruppen, die sich mit dem Thema Aussterben befassen. Du kannst Diskussionen in deinem eigenen Haus mit Freunden und Nachbarn beginnen. Die Menschen haben begonnen, über diese Dinge nachzudenken und Themen wie Gemeinschaftsgärten, Wasser und Sicherheit diskutiert - und es gibt viele Online-Informationen in diese Richtung. Für die Klimagerechtigkeit streiken die Kinder, indem sie nicht zur Schule gehen, inspiriert von der jungen schwedischen Teenagerin Greta Thunberg, die gerade für den Friedensnobelpreis nominiert wurde. Gemeinschaft um sich herum ist wichtig sowohl für das geistige Wohlbefinden als auch für das, was Jem Bendell in seinem ausgezeichneten Online-Papier Deep Adaptation erklärt: Eine Karte zur Steuerung der Klimastrategie. Wirf auch einen Blick auf die Blog-Posts von Dahr Jamail auf Truthout.org, wo du Dutzende von aktuellen Klimaartikeln sowie seine neue Blog-Serie (mitverfasst mit Barbara Cecil) "How Then Shall We Live?" findest.

Finde Gelassenheit. Neben der klugen Ausrichtung deiner Aufmerksamkeit, nimm auch alle täglichen Aktivitäten mit, die zu mehr Ruhe in deinem Leben führen - Spaziergänge in der Natur, eine langsame Mahlzeit mit deinen Lieben oder allein, Lesen oder Hören von Musik, Tanzen, Schwimmen - was auch immer dein Ding ist, gib ihm jeden Tag Vorrang. Deine Entspannung und Ruhe ist kein Genuss, sondern eine Melodie für dein geistiges und körperliches Wohlbefinden, was zu einer wacheren Intelligenz und einem schnellerem Begreifen führt.

Lass die dunklen Zukunftsvisionen los und beschäftige dich intensiver mit Klimanachrichten. Wenn auch beängstigende Bilder über das, was in Zukunft kommen wird, in deiner Fantasie entstehen können, es ist am besten, sie nicht weiter zu befeuern. Es ist auch hilfreich, sich beim Lesen oder Sehen von Nachrichten über das Klimachaos zu entspannen. Es gibt eine Tendenz, sobald die Klimakatastrophe in den Fokus gerät, auf immer neue Nachrichten über sie zu starren, als ob man von einem Flugzeugabsturz in Echtzeit wie versteinert wäre. Hör auf, ständig in die immer mehr werdenden Daten über das Chaos einzutauchen. Nimm dir eine Auszeit von den Nachrichten, wenn es dir gut tut, und ruhe deinen müden Geist aus. Mein Freund Dahr zieht regelmäßig den Stecker und wandert in den Bergen; mein Freund Mark zieht den Stecker und arbeitet stundenlang in seinem Garten. Beide sind sich der sich entfaltenden Klimawirklichkeiten sehr bewusst, mit der unvermeidlichen Traurigkeit, die mit diesem Bewusstsein einhergeht. Doch beide haben gelernt, die verbleibende kostbare Zeit zu nutzen und zu genießen, indem sie nach einem Navaho-Ethos leben: "Mögen Sie in Schönheit wandeln".

Diene. Wisse, dass es sich gut anfühlen wird, wenn du in Zukunft in irgendeiner Weise deine Gaben nutzen kannst und in jeder Größenordnung, die sich richtig und wahr anfühlt, sei es in deinem persönlichen Leben mit Familie und Freunden oder in einer größeren Gemeinschaft. Es besteht keine Notwendigkeit, darüber Buch zu führen, ob sich deine Handlungen eines Tages auszahlen werden. Dienen fühlt sich um seiner selbst willen gut an und gibt deinem Leben Sinn, ein Gefühl, dass du einen guten Beitrag leistest, wie guter Kompost einen Beitrag für das Lebens leistet.

Sei dankbar. Es gab niemals eine Garantie auf ein langes Leben, für niemanden zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte. Was auch immer uns noch bleibt, wir sind die Glücklichen. Wir haben das Leben erlebt, trotz der überwältigenden Chancen, dass dies nicht der Fall ist, wie der Biologe Richard Dawkins oft betont. Wenn wir an all die Zeiten denken, in denen unsere Vorfahren die Nadel des Überlebens einfädeln und lange genug leben mussten, um sich fortzuplanzen, jedes einzelne dieser Leben, dann relativiert das, wie wertvoll diese Erfahrung ist, die wir machen. Dankbarkeit für das Leben selbst wird zur angemessenen Antwort. Richte dein Bewusstsein viele Male im Laufe des Tages auf all die kleinen Dinge, für die du dankbar bist. Es ist ein offenes Geheimnis, das einen ruhigeren Geist hervorbringt.

Gib den Kampf gegen die Evolution auf. Sie wird gewinnen. Die Geschichte über einen menschlichen Fehltritt in der Geschichte, den imaginären Punkt, an dem wir einen anderen Weg hätten einschlagen können, ist eine sinnlose Denkübung. Unsere Evolution basiert auf Quintillionen von Erdbewegungen, inkrementellen biologischen Anpassungen, Überlebensbedürfnissen und menschlichen Wünschen. Wir sind genau dort, wo wir die ganze Zeit hingegangen sind.

Obwohl wir so viel Zerstörung verursacht haben, ist es wichtig, auch das breite Spektrum der Möglichkeiten im Blick zu haben, die ein Menschenleben ausmachen. Ja, an einem Ende dieses Spektrums befinden sich Gier, Grausamkeit und Unwissenheit, am anderen Ende Freundlichkeit, Mitgefühl und Weisheit. Wir sind von großer Kreativität, brillanter Kommunikationsfähgkeit und außergewöhnlicher Verehrung und Begabung für Musik und andere Kunstformen geprägt. Wir weinen in Zärtlichkeit, wenn wir von Liebe, Schönheit oder Verlust berührt werden. Wir weinen in Empathie für den Schmerz anderer. Einige von uns opfern sogar ihr Leben für Fremde. Es gibt kein anderes bekanntes Geschöpf, dessen Bewusstseinsspektrum so breit und vielfältig ist wie unser eigenes.

Du kennst wahrscheinlich das Spektrum des menschlichen Bewusstseins in dir selbst gut. Vielleicht hattest du viele Momente, in denen Gier oder Hass deinen Verstand überwältigten. Aber es ist wahrscheinlich, dass du auch viele Momente hattest, in denen du wusstest, dass Liebe alles ist, was jemals wirklich wichtig war. Und in deinen letzten Atemzügen wird es wahrscheinlich alles sein, was von dir übrig ist, eine kosmische Geschichte, die nur einmal geflüstert wurde.

Wie Leonard sagte: "In Liebe werden wir gemacht, in Liebe vergehen wir."

Cathrine Ingram
Februar 2019
NSW, Australien